BlogVon Mai 2016 bis Juni 2019

Warum es sich lohnt, in Bio-Bauern zu investieren! Ein Interview mit Christian Hiß von der Regionalwert AG

Christian Hiß ist Gründer der Regionalwert AG, einer Bürger-Aktiengesellschaft, die Geld bei bioaffinen Bürgern sammelt und in Biolandwirte und Unternehmer der Ökobranche investiert. Alle Unternehmen kommen aus der Region, alle produzieren und arbeiten mit Bioprodukten.  Schon heute dürfen wir Christian Hiß und seine Idee der Regionalwert AG im Blog-Interview vorstellen, denn er hält die Eröffnungs-Keynote bei unserem 1. BiolebensmittelCamp. Das Thema seiner Keynote ist: „Regionale Wirtschaftsräume – eine Chance für Biobetriebe“.

Foto: Regionalwert AG

Gärtnerei Queerbeet. Foto: Regionalwert AG

Was hat Sie dazu bewogen, die Regionalwert AG zu gründen? Was ist Ihnen dabei leicht gefallen, was schwer?

Es gab drei Hauptgründe und eine Menge anderer. Die Hauptgründe waren:

  • Nach der Einführung der Bankenregulierung Basel II um das Jahr 2000 herum wurde es für Betriebe der ökologischen Landwirtschaft generell schwieriger an Kapital für die Betriebsgründungen und Betriebsentwicklung zu kommen, weil ökologische und soziale Faktoren keine Rolle in der Betriebsbewertung mehr spielten. Die nackte betriebswirtschaftliche Betrachtung wurde dominanter gegenüber anderen Werten. Mit Eigenkapital von Menschen können diese Werte wieder eine Rolle spielen. Aus purer finanzwirtschaftlicher Betrachtung ist so gut wie unmöglich heute einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen. Statistisch gesehen braucht man ca. 400.000 € Kapital für einen Arbeitsplatz in der Landwirtschaft mit dem dann durchschnittlich 80.000 € Umsatz erzielt werden kann.
  • Die Hofnachfolge in der Landwirtschaft ist bis heute sehr eng an die Familie gebunden. Übernimmt keines der Kinder den Hof ist sein Schicksal besiegelt. Das setzt die jungen Menschen in der Berufswahl unter Druck, weil viele ihre Eltern nicht enttäuschen wollen. Die Entscheidung für den Beruf des Landwirts sollte frei getroffen werden. Es gibt viele junge Menschen, die nicht in der Landwirtschaft aufgewachsen sind und keinen Hof geerbt haben, diese können aber nie einen Hof kaufen weil der Kapitalbedarf sehr hoch ist. Für dieses Dilemma braucht es eine Lösung.
Foto: Regionalwert AG

Nicht immer ist es leicht einen passenden Betriebsnachfolger zu finden. Foto: Regionalwert AG

  • Die Spannung zwischen Spezialisierung und Vielfalt in der Betriebsführung ist ein weiteres Dilemma. Die ökonomischen Bedingungen entlang der Wertschöpfungskette sind extrem unterschiedlich, für einen Arbeitsplatz in der Vermarktung braucht man ca. 45.000 € und kann damit bis zu 300.000 € Umsatz machen. Die Verarbeitung liegt irgendwo dazwischen. Das ist der Grund warum viele Betriebe direktvermarkten oder veredeln. Für viele Betriebe ist dies zu aufwendig. Die Schaffung von ganzen Wertschöpfungsketten über die Region hinweg, kann ein Weg sein. Es muss aber ein Ausgleich über die Stufen hinweg gemacht werden. Das Konzept der Regionalwert AG sieht diesen Ausgleich vor.

Schwer gefallen ist sicher der Umgang mit dem Aktienrecht. Einerseits ist es wohltuend auf einer klar geregelten juristischen Basis zu operieren aber man muss es halt erst einmal verstehen. Ich hatte als Bio-Gärtner ja in dem Bereich keine Vorbildung. Schwer fällt auch bis heute die vielen unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen, das soziale Miteinander ist kein Selbstläufer obwohl im Abstrakten alle von Kooperation reden ist es im Konkreten dann doch nicht einfach, da rücken dann die Eigeninteressen ganz schnell in den Vordergrund. Wir haben jetzt 630 Aktionärinnen und Aktionäre und ca. 24 Partnerbetriebe die mehr oder weniger zusammenarbeiten.

Foto: Regionalwert AG

Viel Engagement und Leidenschaft macht die Arbeit für die Regionalwert AG aus. Foto: Regionalwert AG

Leicht gefallen ist mir und fällt mir bis heute meinen ganzen Einsatz für das neue Konzept der Regionalwert AG und für eine gute Zukunft der ökologischen Landwirtschaft aufzubringen.

Und leicht fällt mir auch mich für die jungen Unternehmerinnen und Unternehmer einzusetzen und sie auf dem Weg in die Selbständigkeit zu begleiten.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Ich bin überwiegend im Büro tätig außer ich bin unterwegs zu Vorträgen oder zur Beratung. Ein Teil meiner Arbeit macht die Betreuung bestehender Betriebsbeteiligungen aus, ein weiterer Teil entwickle ich neue Betriebe und die Verwaltung der Regionalwert AG selbst ist auch aufwendig. Zu bestimmten Zeiten nimmt die Akquise von neuem Kapital sehr viel Zeit in Anspruch. Ich betreibe auch relativ viel Aufwand für die Betreuung von wissenschaftlichen Arbeiten Studierender aller Art. Wir haben da sehr, sehr viel Anfragen.

Christian Hiß unterstützt mit der Regionalwert AG regionale Biounternehmen. Foto: Hiß

Christian Hiß setzt sich für regionale Wirtschaftsräume ein. Foto: Hiß

Wie funktioniert die Regionalwert AG?

Wir versuchen über Aktien Finanzkapital einzuwerben und investieren dies dann in Betriebe der ökologischen Land- und Ernährungswirtschaft in der Region Freiburg. Wir sind in der Regel Gesellschafter an den Betrieben. Wir versuchen die ganze Wertschöpfungskette aufzubauen, also Betriebe der Landwirtschaft, Bioläden, Restaurants, Verarbeitungsbetriebe und vieles mehr zu gründen, die dann ein Netzwerk bilden und zusammenarbeiten. Das Besondere daran ist, dass die Betriebe ganz oder teilweise durch Eigenkapitaleinlagen von Bürgerinnen und Bürgern finanziert sind.

Regionale Wertschöpfung fördern. Foto: Regionalwert AG

Im Regionalwert Biomarkt können die Produkte aus der Region eingekauft werden. Foto: Regionalwert AG

Auf welches Projekt sind Sie besonders stolz?

Dass meine drei Söhne in aller Freiheit ihre Berufswahl treffen konnten und meine landwirtschaftlichen Betriebe, die ich als Familienbetriebe über 25 Jahre aufgebaut habe, trotzdem bestehen bleiben. Sie sind Teil der Regionalwert AG und werden von außerfamiliären Nachfolgern bewirtschaftet.

Ein Thema des BiolebensmittelCamps wird auch die Nachfolge bzw. Generationenfrage sein. Die Regionalwert AG hilft auf ihre eigene Weise. Können Sie uns etwas darüber berichten?

Die Finanzierung von Existenzgründungen in der Landwirtschaft ist ein besonderes Anliegen der Regionalwert AG. Wir finanzieren die Betriebe mit Eigenkapital der Bürgereinlagen, so dass die jungen Unternehmer sich nicht verschulden müssen. Die Bürgerinnen und Bürger sind dann dauerhaft Gesellschafter an den Betrieben. Trotzdem gilt, die außerfamiliäre Hofnachfolge ist eines der schwierigsten Themen, da ist sehr viel Geduld gefragt.

Sie sind auf einem der ersten Biolandwirtschaften Deutschlands aufgewachsen. Die Bio-Pioniere von einst haben sind heute etablierte Lebensmittelhersteller. Inwiefern unterscheidet sich die nächste Generation von den Öko-Pionieren von einst?

Ich habe quasi die gesamte Entwicklung der Bio-Branche von den frühen 60er Jahren bis heute selbst miterlebt. 1982 im Alter von 21 Jahren habe ich mich zum ersten Mal mit einem Gemüsebaubetrieb selbständig gemacht.

Jede Zeit hatte ihre Spezifika. Vor 1975 war es eine wirklich kleine Gruppe in Deutschland die sich fast komplett persönlich kannte. Ich erinnere mich an viele Besichtigungen auf dem Hof meiner Eltern. 1972 haben meine Eltern eine Konsumenten-Produzenten Vereinigung in Freiburg mitgegründet die bis heute besteht. Das waren erste sehr wertvolle Erfahrungen mit solchen sozio-ökonomischen Instrumenten.

Ab den späten 90 er Jahren schien die alte Forderung nach 100 % biologische Landwirtschaft plötzlich real zu werden, leider mit dem Effekt der Konventionalisieren des Öko-Landbaus.

Die früher bestimmenden Paradigmen der Betriebsführung gelten kaum noch. Als ein Beispiel nenne ich hier die Viehhaltung als zentrales Element eines jeden biologisch-dynamischen Betriebes, da werden viel zu viele Ausnahmen gemacht. Die konventionelle Betriebswirtschaft gibt die Entwicklungsrichtung vor. Ein großes Versäumnis der Bio-Bewegung der letzten 30 Jahre war, dass man die konventionelle Betriebswirtschaft einfach übernommen hat anstatt auch sie zu ökologisieren.

Vielen Dank für das Interview!

Weiterführende Informationen:
www.regionalwert-ag.de