BlogVon Mai 2016 bis Juni 2019

Essen ist politisch! Eindrücke von der UnternehmensGrün Jahrestagung 2016 in Berlin

Ich war eingeladen, bei der UnternehmensGrün-Jahrestagung in Berlin, gemeinsam mit Martina Merz einen Workshop zum Thema Innovative Formate der Vernetzung zu halten und dabei auch über unsere BarCamp-Idee zu erzählen. Dabei war ich nicht nur beeindruckt von der Vielfalt des gesamten Programms, sondern auch der Leidenschaft, die die Akteure für eine bessere Welt antreibt. Ja, Essen ist hochgradig politisch, aber nicht nur das …

#ESSENM8POLITIK

Einer von 6 Thementischen bei der Unternehmensgrün Jahrestagung 2016. Foto: Wolfgang Falkner

Einer von 6 Thementischen bei der Unternehmensgrün Jahrestagung 2016. Foto: Wolfgang Falkner

Besser als mit den Worten der Unternehmensgrün-Jahrestagungs-Macher, allen voran Katharina Reuter kann man es wohl nicht ausdrücken: In Zeiten von TTIP, Milchkrise, Landgrabbing, Höfesterben, steigendem Anteil von Bio-Importen und weiteren Konflikten in der Landwirtschaft zeigt sich: Wir brauchen eine agrarpolitische Wende. Das Wesen der Landwirtschaft ist regional. Agrar- und Ernährungswirtschaft sind, wenn wir sie nachhaltig gestalten wollen, nicht für globalisierte Märkte geeignet. Denn wo wir lokal und vor Ort unsere Lebensmittel produzieren, stärken wir die Resilienz von Regionen.

Warum wir eine Agrar- und Ernährungsrevolution brauchen?

Die globale Wirtschaft der Ernährung führt zu vielen negativen Auswüchsen, wie die sinkende Qualität der Lebensmittel mit gesundheitlichen Folgen (Stichwort Medikamente im Fleisch), schlechte Arbeitsbedingungen in den Erzeugerländern, Tierleid, missbrauchte Böden (Stichwort Glyphosat) und Monokulturen, Bedenkliche Im- und Exporte und und und. Beispiele könnte man hier wohl unendlich fortsetzen. Doch wie können wir das ändern? Oft fühlen wir uns als Konsumenten angesichts dieser Faktenlage machtlos, die uns wiederum in eine Art Schockstarre verfallen löst. Dabei fängt alles bei uns selbst an, wie Dr. Ursula Hudson (Vorsitzende Slow Food Deutschland) in Ihrer Einstiegskeynote betont. Mit „10 Dingen, die wir sofort tun können“, zeigte sie auf, dass es gar nicht so schwer ist diesen Kreis der Bequemlichkeit zu durchbrechen. Und, man muss ja nicht gleich all 10 Punkte umsetzen. Wichtig ist mit einem Punkt anzufangen. Z.B.

Kaufe einen Tag in der Woche nicht im Supermarkt ein!

Foto: Wolfgang Falkner

10 praktische Tipps für den Alltag – kann jeder sofort umsetzen. Foto: Wolfgang Falkner

Auch die große Diskussionsrunde unter der Leitung von Hanna Gersmann, Chefredaktion von zeozwei, am Ende der Veranstaltung ließ einen guten Blick auf die aktuelle wirtschaftliche Situation der Landwirtschaft werfen. Während sich Reinhild Benning, Sprecherin des Ernährungsrates Berlin und Agrarexpertin bei Germanwatch, Michael Wimmer, Geschäftsführer Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) e.V., Rudolf Bühler, Vorstandsvorsitzender der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH) einig waren, trat Olaf Feuerborn, Präsident des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt in die Oppositionsrolle. Er gab zu bedenken, dass wir die Landwirtschaft nicht von einem Tag auf den anderen umstellen können, da sich die Landwirte ja auch (nicht zuletzt durch eine bedenkliche Förderpolitik) auf den globalen Markt eingestellt haben.

Nichts desto trotz kann es so nicht weitergehen. Lebensmittel können keine „billigen“ Produkte sein, wo man die Schädigung der Umwelt und des Menschen in Kauf nimmt. Dafür ist Verantwortung und ein engerer Schulterschluss aller Akteure notwendig – angefangen von der Landwirtschaft, den Bauern über die Bauernverbände, der Politik den Medien und schließlich auch der Konsumenten. Denn die haben es letztendlich in der Hand, was sie kaufen und was nicht. Konsumenten werden so zum politischen Akteur, auch beim Essen.

Foto: Wolfgang Falkner

Auf der Jahrestagung von Unternehmensgrün wurde eifrig diskutiert. Foto: Wolfgang Falkner

Weitere Details und Zahlen findet ihr im offiziellen Bericht von Unternehmensgrün

Und auch die Videos von der Podiumsdiskussion sowie den Einstiegsvorträgen

Aktuelle Themen auf sechs Co-Working-Thementischen

Heiß her ging es auch auf den sechs  Thementischen. Details dazu siehe Online. Hier wurden „Klassiker“ wie TTIP, Gentechnik, Landgrabbing diskutiert, aber auch Fragen gestellt, wie :

  • Welche Konzepte gibt es, die Stadt und Land näher zusammenbringen und was kann die Politik dazu tun?
  • Geht Landwirtschaft international wirklich fair?
  • Wie gründe ich ein grünes Startup? Forderung war hier, dass es bessere Beratung, Datenbanken und Anlaufstellen, aber auch finanzielle Förderungen für nachhaltige Unternehmen geben muss. Aber auch Patenschaften, Erfahrungsaustausch, Coaching und mehr Vernetzung untereinander standen hoch im Kurs.

Die Diskussion geht weiter …

In der gemeinsamen Session mit Martina Merz von merz.punkt stellten wir verschieden Konzepte der Vernetzung wie Gube20 und BarCamps vor und luden die Teilnehmer mittels Kreativitätstechniken ein, selbst aktiv zu werden. Eine der fünf Fragen beschäftigte sich mit: Welches Thema in Bezug auf „Essen ist politisch“ würdest du gerne bei einem BarCamp diskutieren?

Foto: Wolfgang Falkner

Viele gute Ideen & Themenvorschläge für das 1. BiolebensmittelCamp wurden gefunden. Foto: Wolfgang Falkner

Vielleicht sieht man den einen oder anderen Teilnehmer auch beim BiolebensmittelCamp in Unterfranken. Katharina Reuter, Alyssa Jade McDonald-Bärtl und auch Martina Merz sind bereits mit Themenvorschlägen dabei.

Wir haben nicht alle Zeit der Welt!

Eines ist klar: Auch wenn die Basis für eine gute Landwirtschaft regional ist, dürfen wir uns nicht der Versuchung der Abschottung hingeben – das wäre zu einfach. Die Welt ist kein Dorf und die globale Welt ist politisch, wie Trump als neuer US-Präsident schmerzlich zeigt. Es ist Zeit, aufzustehen und für Europa einzustehen. Aber nicht mit Angst, der größten Waffe der Populisten, sondern mit dem Glauben an Demokratie, Qualität, Fairness, Toleranz und Vielfalt. Dabei sollten wir aber auch Karl Poppers Worte beherzigen und unter keinen Umständen Intoleranz dulden, denn …

„Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“

Europa steht für Demokratie und Vielfalt. Foto: Wolfgang Falkner

Europa steht für Demokratie und Vielfalt. Foto: Wolfgang Falkner