BlogVon Mai 2016 bis Juni 2019

Weniger ist mehr und Bio oberstes Gebot: Interview mit BIORAMA-Macher Thomas Weber

Ob als Herausgeber von BIORAMA, dem wichtigsten Magazin für nachhaltigen Lebensstil, oder mit seinen Büchern „Ein guter Tag hat 100 Punkte“ und „100 Punkte Tag für Tag“ – Thomas Weber hat sich ganz der Nachhaltigkeit verschrieben. Ursprünglich aus dem Kulturjournalismus kommend lebt, liebt und arbeitet der Autor, Journalist und Unternehmer als zweifacher Vater in Wien-Umgebung. Wir haben Thomas Weber ein paar Fragen gestellt.

Ein Interview mit Thomas Weber von BIORAMA. Foto: Diana Groza

Ein Interview mit Thomas Weber von BIORAMA. Foto: Diana Groza

1.) Wenn man sich im Internet auf die Suche nach deiner Person macht, scheint dein Name immer wieder bei innovativen Projekten zum Thema Landwirtschaft, Tierhaltung, bewusste Ernährung auf. Was treibt dich an? Wo heraus entsteht deine Motivation?

Zuvorderst die Neugier und die Lust am Entdecken, Nachdenken und Ausprobieren. Die tägliche Verlockung, die ich zu bekämpfen habe, ist auch wirklich eher: Wofür darf ich mich nicht interessieren – einfach ganz pragmatisch, weil es das überschaubare Zeitbudget nicht zulässt. Auch wenn ich mittlerweile mehr als die Hälfte meines Lebens als Journalist verbracht habe, sehe ich mich nicht als Schreibtischtäter. Ich bin viel draußen, rede mit Menschen, höre mir Dinge an, lasse mir Sachen zeigen. Journalistisch komme ich eigentlich aus dem Kultur-Ressort, aus der Pop- und Subkultur und der Literatur-Ecke, und ich habe nach wie vor einen sehr guten Überblick darüber, was sich etwa in der Kreativwirtschaft tut in Österreich. Auch wenn ich diese Kreativkultur ehrlich gesagt spannender fand als es den Hype um die Start-up-„Kultur“ noch nicht gab. Heute denken manche Unternehmensgründer ja oft darüber nach wie sie ihre Firma schnellstmöglich zum maximalen Profit loswerden. Ich beobachte auch – skeptisch, aber doch interessiert – was sich im Bereich des sogenannten „Social Entrepreneurship“ tut.

Ich sehe mich jedenfalls als Mittler zwischen den Welten. Genau des ermöglicht es mir auch oft, in Artikeln, auf Podien oder bei Moderationen ganz andere Sichtweisen einzubringen. Über das Interesse an guten, gesunden Lebensmitteln und die Gründung von BIORAMA 2005 bin ich über Umwege auch wieder beim Thema Landwirtschaft und beim ewigen Spannungsfeld Natur vs. Kultur gelandet. „Wieder“ sage ich deshalb, weil mich das immer interessiert hat, schon als Kind. Tiere, Tierwohl und Tierhaltung waren mir als Themen immer schon wichtig. Auch wenn ich mich – ich weiß, dass das für manche Tierrechtsaktivisten im Kopf nicht ausgeht – als bewusster und mündiger Fleischfresser sehe und auch der Jagd etwas abgewinnen kann.

2.) Deine Bücher „Ein guter Tag hat 100 Punkte“ und „100 Punkte Tag für Tag“ sowie deine Arbeit für BIORAMA sind stark vom Nachhaltigkeitsgedanken geprägt. Wie nachhaltig gestaltet sich dein Alltag? Welche Punkte sind dir dabei wichtig?

Mich reizt das aktive Suchen nach Antworten auf Fragen, auf die wir derzeit alle keine befriedigenden Antworten haben. Ich möchte heute auch nicht unbedingt wie meine Großmutter vor 40 Jahren leben – auch wenn ihr Leben damals sehr nachhaltig war und sie weder über ihre eigenen Verhältnisse gelebt, noch mehr als die ihr als Individuum global zustehenden Ressourcen verbraucht hat. Die allermeisten von uns möchten ein modernes Leben führen. Ich habe Anspruch und Absicht auch andere offene Geister mitzureißen, zum Denken und Ausprobieren zu animieren. Konkret gibt es Bereiche, in denen mir ein nachhaltiges Leben verhältnismäßig leichter fällt (etwa bei der Ernährung) und Bereiche, in denen es schwerer ist (etwa bei der Mobilität oder beim Heizen). Aber es gelingt mir immer wieder, mich ein kleines bisschen zu „verbessern“ – ohne dass ich das als selbstauferlegten Druck empfände. Es ist mir einfach wichtig.

Rote Rüben und ein Salat. Im Zweifelsfall setzt Thomas Weber auf Veganes anstelle von Fleisch aus der Tierindustrie. Foto: Vogl

Nachhaltiger Anbau ist Thomas Weber, dem Herausgeber von BIORAMA wichtig. Foto: Vogl

3.) Oftmals wird von Konsumenten erwartet, dass Lebensmittel bio, regional und auch der ökologische Fußabdruck passen soll. Was ist deine Erwartungen an ein „gutes Lebensmittel“?

Ich würde einmal behaupten, dass ich mich da vordergründig nicht von den allerallermeisten Zeitgenossen unterscheide. Zuallererst einmal muss mir ein gutes Lebensmittel schmecken. Essen ist Genuss und wenn man Gemüse oder Obst auch noch selbst anbauen und Ernten kann, hin und wieder beim Schlachten eines Schweins dabei ist und das würdevoll und ohne Zynismus zelebriert, dann kann auch das etwas sehr Bewusstes, Würdevolles sein. Mein wachsendes Wissen um Produktionsbedingungen und gravierende Missstände in der Intensivtierhaltung haben aber einen zusätzlichen Sinn geschärft, wenn man so will. Wenn ich weiß, dass irgendwo Billigfleisch oder tierische Produkte serviert werden, dann komme ich immer öfter dazu, dass mir davor sogar graust. Wie gesagt: Ich erachte mich als mündigen Fleischfresser. Mein Credo ist eindeutig:

Weniger ist mehr, Bio oberstes Gebot. Aber im Zweifel: besser Veganes essen als Produkte aus der Tierindustrie.

Es gibt ist ja eh kein Geheimnis mehr, dass es ganz, ganz viele köstliche vegane Gerichte gibt. Einer der allergrößten Genüsse ist für mich übrigens Sauerkraut zu machen. Wenn ich das dann esse und sehe wie es meine Kinder lieben – ein Traum!

4.) Ein Thema bei unserem BiolebensmittelCamp ist der Generationenwechsel und wie die nachfolgende Generation die Branche prägt. Gibt es ein Projekt, das dich besonders beeindruckt?

Bei den Biomarken gibt es viele spannende Projekte wie z.B.  La Selva und einige andere der verdienten Mittelständler oder in Österreich „Zurück zum Ursprung“. Gründer Werner Lampert, gerade 70 geworden, ist zweifellos eine der interessantesten, erfolgreichsten und einflussreichsten Akteure in Österreich. Auch wenn ihn manche Fundis kritisieren: Sein Lebenswerk ist außergewöhnlich, er hat davor ja auch die Erfolgsgeschichte von Ja! Natürlich begonnen. Seine jetzige Marke Zurück zum Ursprung ist auch in der Kommunikation stark auf ihn als Person zugeschnitten. Den alten Mann mit dem Rauschebart, seine spitzbübische Brille – den kennt in Österreich jedes Kind. Ich hoffe, dass es uns noch sehr lang aktiv erhalten bleibt, aber es wird spannend zu beobachten sein, wie er die Marke auf die Zeit nach seiner aktiven Unternehmerphase vorbereitet.

Was mich aber auf Erzeuger- und Vermarkterseite gleichermaßen beeindruckt ist der Vorarlberger Vetterhof. Ein unglaublich spannender Betrieb. Jung-Bauer Simon Vetter halte ich für einen der interessantesten, innovativsten und offensten Akteure zumindest in der österreichischen Bio-Szene. Ihm selbst ist das wahrscheinlich peinlich, aber es ist so. Er hat den Betrieb seiner Eltern übernommen und denkt das, was die begonnen haben, konsequent weiter. Das Beeindruckende: Er ist mit Leib und Seele Bio-Bauer, liebt seine Rinder, liebt Gemüse – aber er denkt vollkommen selbstverständlich und natürlich in Marketingkategorien. Solche Biobäuerinnen und Biobauern braucht es mehr.

5.) BIORAMA unterstützt das BiolebensmittelCamp als Medienpartner. Was erwartest du dir vom BiolebensmittelCamp?

Austausch, Vernetzung, Kontakte und Inspiration. Außerdem – das liebe ich ja so an meinem Job, dass das täglich geht und dass man von Journalisten ja geradezu erwartet, dass er dauernd nachfragt – Wissen. Ja, ich freu mich schon.

Vielen Dank für das Gespräch!