Blog

Wir müssen endlich zu den wahren Preisen der Lebensmittelerzeugung stehen! Katharina Reuter im Interview

Foto: Caro Hoene

Katharina Reuter ist Geschäftsführerin von Unternehmensgrün. Foto: Caro Hoene

Katharina Reuter stammt aus Berlin und ist Geschäftsführerin von UnternehmensGrün. Katharina engagiert sich seit vielen Jahren für die nachhaltige Wirtschaft – zunächst in Lehre und Forschung, dann im Stiftungs- bzw. Verbandsbereich. Die Agrarökonomin war als Geschäftsführerin der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und der klima-allianz deutschland tätig. Als Beraterin für Bio und Nachhaltigkeit arbeitete sie eng mit Unternehmen zusammen. Seit 2014 führt sie die Geschäfte von UnternehmensGrün, dem parteipolitisch unabhängigen ökologisch orientierten Unternehmensverband. Katharina ist Mitbegründerin von Ecopreneur.eu (European Sustainable Business  Federation).

Brot backen in der Fränkischen Schweiz. Foto: Reuter

Wie alles begann: Auf einem Bauernhof in der Fränkischen Schweiz entdeckte Katharina Reuter ihre Liebe zur Landwirtschaft. Foto: Reuter

1.) Katharina, du bist Geschäftsführerin von UnternehmensGrün e.V. Was macht ihr genau und was siehst du als wichtigstes Ziel von UnternehmensGrün für 2017?

Wir sind die politische Stimme der nachhaltigen Unternehmen und kämpfen für bessere Rahmenbedingungen für diese. Themen sind politische Fragen in den Bereichen Agrar- und Ernährungswirtschaft, Energie, Circular Economy, Steuern, Handel oder Mobilität.

Das wichtigste Ziel für 2017 ist mit Blick auf die Bundestagswahl, dass sich die Parteien endlich zu wahren Preisen bekennen! Denn bisher ist doch der Markt total unfair organisiert: Warum ist die Pestizid-Banane denn billiger als die Bio-Banane? Die Pestizid-Banane müsste teurer sein, wenn man die Umweltschäden und sozialen Auswirkungen einpreist.

Foto: RVO Netherlands

Austausch mit Vertretern der EU-Kommission (Konferenz Rotterdam, 25.1.2016) Foto: RVO Netherlands

2.) Das Bekenntnis zu Regionalität und Nachhaltigkeit ist bei vielen Menschen groß, doch oftmals schwer umzusetzen. Welche politischen Rahmenbedingungen braucht es, damit diese Themen vorwärts kommen?

Eine wichtige Forderung von uns ist „Green Public Procurement“, das meint die nachhaltige öffentliche Beschaffung. Das geht weit über den Lebensmittelbereich hinaus, zum Beispiel mit Blick auf grüne IT. Im Lebensmittelbereich ist es mehr als überfällig, dass öffentliche Institutionen, Ministerien und Behörden nur noch Bioprodukte anbieten – und eben auch Regionalität und Saisonalität tatsächlich beachtet werden (und nicht nur im Werbeflyer schmückend erwähnt werden). Wenn die öffentlichen Nachfrager mit gutem Beispiel vorangehen, bringt das auch wieder mehr Bewegung in den Markt.

3.) Kommt die Biolandwirtschaft im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft zu kurz?

Natürlich spielt beim Ökolandbau auch eine stabile Umstellungsförderung eine wichtige Rolle – und für alle künftigen Subventionen muss gelten: Öffentliche Mittel nur für gemeinwohlorientierte, öffentliche Leistungen. Es ist doch völlig absurd, wenn die Agrarindustrie weiterhin mit unseren Steuergeldern unterstützt wird – und das nur, weil sie so mächtige Lobbyisten nach Brüssel und Berlin schickt, dass die Politik nicht widerstehen kann.

Foto: European Union 2015

Auch in Brüssel vertritt Katharina Reuter die Interessen der nachhaltigen Unternehmen (Anhörung im ITRE, Europäisches Parlament 11/2015) Foto: European Union 2015

4.) Welche Unternehmen/Projekte aus der Biobranche imponieren dir, was sind deine persönlichen Best Practices?

Mir imponieren die Bio-Pioniere, die zu einer Zeit auf Nachhaltigkeit gesetzt haben, als es nicht Mainstream-tauglich und sexy war, sondern ein knochenharter Job, der viel Energie und vor allem viel Überzeugungskraft brauchte. Meist wurden diese Unternehmerinnen und Unternehmer von den Nachbarn für verrückt oder zumindest ziemlich weltfremd gehalten. Die Erfahrungen der Pioniere – und das Herzblut – sind heute eine wichtige Orientierungshilfe für die nächste Generation, auch für mich.

5.) Das Thema Bio begleitet dich schon länger – wo und wie hat Bio Einfluss auf deinen Alltag?

Wenn mein jüngster Sohn von der Essensausgabe im Hort erzählt („Ist denn das Bio-Fleisch? Ansonsten esse ich es nicht“) – da frage ich mich schon, ob wir es vielleicht übertreiben ?

Wir achten darauf, dass wir Bio-Produkte kaufen (zw. 85 – 90%). Es ist toll, einige Gemüsesorten im eigenen Garten anzubauen und Lebensmittel selbst herzustellen. Nicht nur Marmelade und Salate, sondern auch mal selbst Wurst zu machen oder sich an den Eiern der eigenen Hennen zu freuen (natürliche eine Zweinutzungsrasse, Les Marans).

Foto: Reuter

Selbstgemachtes Apfelgelee von Katharina Reuter. Foto: Reuter

Aber zum Alltag gehören ja noch mehr Bereiche außer essen & trinken – daher beschäftigen mich auch Fragen wie #howtogreenyourkleiderschrank. Gerade bin ich voller Vorfreude auf meine #KarmaClassics.

6.) Wie sieht die Biolebensmittelbranche in 10 Jahren aus? Wagst du eine Prognose?

Meine Vision: Die Bio-Branche 2027 – pulsierend, ein Marktanteil von 50 Prozent + X, eine bessere regionale Selbstversorgung (zum Beispiel von Berlin mit Bio-Produkten aus Brandenburg) und stabile Unternehmen, die nicht von Großkonzernen geschluckt werden, sondern als Mittelständler Arbeitsplätze in den Regionen schaffen. Da ich persönlich weiß, wie wichtig eine bequeme Verfügbarkeit von Bio-Produkten auch in den gewohnten Lebensmittelmärkten ist, machen in zehn Jahren Bio-Produkte auch einen großen Teil des Sortiments im (konventionellen) Lebensmitteleinzelhandel aus. Die Liebe der Pioniere – und die Leidenschaft für echte Nachhaltigkeit in der Produktionskette – gehen dabei nicht verloren.