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Scheitern in der (Bio-)Leistungsgesellschaft. Interview mit Johanna Stumpner und Anne Baumann von der AöL

„Erst wenn man sich aus seiner Komfortzone bewegt, kann auch etwas Neues entstehen“, so Anne Baumann von der AöL und Johanna Stumpner vom BLQ. Dieser Satz bringt es schnell auf den Punkt, um was es in der Session „Die Bio-Leistungsgesellschaft. Dürfen wir noch scheitern?“ gegangen ist, die beide beim 1. BiolebensmittelCamp gehalten haben. Heute haben wir genauer zu diesem Thema nachgefragt.

Anne Baumann (links) und Johanna Stumpner haben beim 1. BiolebensmittelCamp eine Session zum Thema "Scheitern in der (Bio-)Leistungsgesellschaft" gehalten. Foto: AöL

Anne Baumann (links) und Johanna Stumpner haben beim 1. BiolebensmittelCamp eine Session zum Thema „Scheitern in der (Bio-)Leistungsgesellschaft“ gehalten. Foto: AöL

In eurer gemeinsamen Session beim 1. BiolebensmittelCamp habt ihr ganz provokant gefragt, ob wir noch scheitern dürfen? War scheitern früher schon mal leichter? Wie sieht es mit unserer Kultur des Scheiterns in der Biolebensmittelbranche heute aus?

„Leichter“ war Scheitern wahrscheinlich noch nie. Als Kind hat man das Scheitern vielleicht nicht so ernst genommen und sich keine großen Gedanken über mögliche Folgen gemacht. Heute leben wir in der „Generation Bachelor“. Dort sind Freiraum und Zeit, sich auszuprobieren, nicht mehr vorgesehen. Wir denken, dass das Bildungssystem schon einen gewissen Anteil an dieser sogenannten Leistungsgesellschaft hat (s. Twitterperlen.de):

Mit 17 Abitur, 20 Bachelor, 22 Master. Es scheint noch nicht bei allen angekommen zu sein, dass die Lebenserwartung über 36 gestiegen ist.

Die Biobranche hat sich mittlerweile professionalisiert. Aus Pionierbetrieben sind Unternehmen mit bis zu 400 Mitarbeitern geworden. Nach unserem Gefühl ist es da schwieriger, sich auszuprobieren, da sich die zweite Bio-Generation in einem sehr kontrollierten Rahmen bewegt. Trotzdem wird es getan. In der AöL gibt es einen Jungunternehmerkreis, die Nachfolgegeneration. Dort haben wir die Frage gestellt, ob sie sich trauen, im Unternehmen ihre neuen Ideen anzupacken. Die Antwort war ganz klar: Auf jeden Fall! Wozu machen wir das sonst?

Die 2. Bio-Generation AöL-Jungunternehmer beim Gründungstreffen im Allgäu. Foto: AöL

Die 2. Bio-Generation AöL-Jungunternehmer beim Gründungstreffen im Allgäu. Foto: AöL

Man sagt, dass nur jene, die immer wieder aufstehen, auch langfristig erfolgreich sein werden. Dennoch möchte man ja nicht ständig hinfallen. Welche Tipps könnt ihr hier geben?

Erst wenn man sich aus seiner Komfortzone bewegt, kann auch etwas Neues entstehen. Natürlich möchte man nicht ständig hinfallen, aber man kann versuchen, weniger Angst davor zu haben. Erst dann ist man wirklich frei in seinem Tun. In unserer Session haben wir gesagt, man solle Ideen Raum geben, auch wenn man als verrückt gilt. So hat Bio schließlich auch angefangen.

Ihr unterscheidet zwischen dem Scheitern einer Person und einer Idee? Ideen hängen aber oft sehr eng mit Personen zusammen, viele bezeichnen ihre Ideen sogar als ihre Babys. Wie kann man das besser trennen und hier Druck rausnehmen?

Man kann das trennen. Eine Idee ist immer ein Produkt von mir, aber das bin nicht ich selbst. Das ist ein ganz entscheidender Unterschied. Die Grenze zwischen dem, was ich tue, und dem, wer ich bin, ist sicher nicht immer leicht zu ziehen, aber es gibt sie. Neben unserer Arbeit können wir uns immer noch als Person wahrnehmen, mit all unseren Eigenschaften, Gefühlen, Vorlieben usw.

Ihr sprecht davon, dass Scheitern einen Raum benötigt, um (richtiges) Scheitern als Entwicklung zu betrachten und auch zu erlernen. Denn bei kleinen Dingen, z.B. in Anfangsphasen von Projekten, tut Scheitern weniger weh als bei großen. Wie können diese Räume für „positives“ Scheitern aussehen?

In der Session haben wir über Crowdfunding gesprochen. Das ist ein guter Raum, um sich auszuprobieren. Man braucht Unterstützer für seine Idee und kann loslegen. Dass das gesponserte Projekt in die Hose gehen kann, ist von Anfang an klar und Teil der Idee. Bei uns in der AöL oder in unserem Dienstleistungsbüro BLQ haben wir auch Ideen für neue Projekte oder Arbeitsgruppen und gehen mit der Organisation in Vorleistung, ohne zu wissen, ob sie tatsächlich zustande kommen.

Im Unternehmen kann auch Budget für Innovationen eingeplant werden, die sich unter Umständen als nicht marktfähig erweisen. Wir haben dazu beim Camp einen schönen Begriff gefunden: Wir brauchen eine Ermöglichungskultur.

Manchmal ist es ganz gut, „durch die Augen eines Kindes“ zu sehen. Foto: AöL

Manchmal ist es ganz gut, durch die Augen eines Kindes zu sehen. Foto: AöL

Die letzte Erkenntnis eurer Session lautet, dass die Verantwortung und das Risiko des Scheiterns bei Erwachsenen höher ist als bei Kindern und Jugendlichen. Warum ist das so? Und wie kann man hier Abhilfe schaffen? Was können wir von Kindern und Jugendlichen lernen?

Als Kind befindet man sich in einem geschützten Raum. Als Erwachsener trägt man mehr Verantwortung und ist voll haftbar. Das regelt ja allein schon unser deutsches Recht. Manchmal tut es trotzdem gut, durch die Augen eines Kindes zu sehen. Dinge leichter zu nehmen, fantasievoller, weniger Angst zu haben, sich eine andere, positive Überschrift zu geben. Und einfach auch mal rumzuspinnen. Dazu kann man sich Räume schaffen, im Unternehmen, im Privaten, in der Gesellschaft.

Noch eine persönliche Frage zum Schluss: Wo seid ihr das letzte Mal gescheitert?

Puh, über diese Frage haben wir lange diskutiert. Natürlich haben wir beide schon schwierige Zeiten erlebt. Das Interessante ist, dass sich das vermeintliche Scheitern im Nachhinein gar nicht mehr so angefühlt hat, weil immer etwas Neues daraus entstanden ist.

Anne: Ich habe ja im Online- und Fernsehbereich gearbeitet und hatte die Möglichkeit, die Karriereleiter noch ein Stück höher zu klettern. Als ich dann dort war, wo ich immer sein wollte, habe ich heulend feststellen müssen, dass ich dort gar nicht mehr hinwill. Ich hatte mich verändert und bin gewissermaßen gescheitert. Erst dadurch bin ich überhaupt in der Biobranche gelandet und sehr glücklich darüber.

Johanna: Mein großer Traum war immer in die Musiktherapie zu gehen. Das war genau mein Ding, davon war ich voll überzeugt und ich wollte nichts anderes machen. Ich hab also Musikwissenschaft und Psychologie studiert und musste nach Beendigung des Studiums feststellen: Wenn ich in die Therapie gehe, mache ich mich selbst kaputt. Ich bin überhaupt nicht geeignet für den Beruf des Therapeuten. Das war für mich ein Scheitern auf voller Linie. Damals fühlte es sich nach dem Scheitern von mir als Person an, aber ich durfte schnell lernen, dass ich hier eben zwischen Person und Idee trennen muss. Und so bin auch ich überhaupt erst dazu gekommen, mich neu zu orientieren und mich mit Lebensmitteln zu beschäftigen.

Vielen Dank Anne & Johanna für diese vielen neuen Blickwinkel!