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Besser zuhören und mehr Mut beim Denken und Handeln – Interview mit Imke Lohmann

Wie müssen Räume aussehen, in denen wir den aktiven Austausch und das Zuhören fördern? Was behindert die Biolebensmittelakteure, mehr aufeinander zuzugehen? Und kann man mutiges Denken und Handeln lernen? Wir haben mit Imke Lohmann, Unternehmensberaterin für gesunde Arbeitswelten, gesprochen.

Ein Interview zum Thema Reden, Zuhören und mehr Mut beim Denken und Handeln. Foto: Fotolia/Rawpixel.com

Ein Interview zum Thema Reden, Zuhören und mehr Mut beim Denken und Handeln. Foto: Fotolia/Rawpixel.com

Liebe Imke, du hast beim letzten BiolebensmittelCamp die wohl offenste Session mit dem Titel „Welche Fragen müssen wir stellen?“ eingereicht. Welche konkreten Fragen tauchten in der Gruppe auf?

Unter anderem die Frage nach Veränderung im Allgemeinen. Wie jede/-r dazu persönlich steht und ob Veränderung immer Mut erfordert. Die Anwesenden erlaubten sich auch Selbstzweifel. Das heißt, bejaht man selbst Veränderungen, zumal wenn Ziele im Nebel liegen?

Spannend war außerdem zu erinnern, dass die Bio-Branche ursprünglich aus dem Willen zur Veränderung entstand. Die Motivation war damals die Erkenntnis vom Bedarf nach einer notwendigen Veränderung. Es war eine Bewegung mit Herz und Hand – offen für Konsequenzen und mit wenigen Bedenken.

Oft mangelt es am wirklichen Zuhören, leider auch in unserer Branche. Warum tun wir uns damit so schwer und kann man zuhören auch lernen?

Klare Antwort – ja, wir können zuhören lernen! Der Religionsphilosoph Martin Buber sagt:

Das ICH wird am DU.

Die neue Generation von Führungskräften und MitarbeiterInnen – eben die Nachfolgegeneration – will keine Moralgeschichten hören. Die Menschen wollen nicht geprüft werden, wie viel bio sie sind oder sie verstehen. Sie wollen mitgestalten und eigene Erfahrungen und Fehler machen können.

Auf der anderen Seite wollen die PionierInnen der Branche erzählen, wie es war, als es nichts gab und sie alles erfinden und erproben mussten. Sie wollen natürlich bewahren, sind aber gleichzeitig sehr offen, dieses wertvolle Wissen weiterzugeben. Oft wissen sie nur nicht ganz, wie das heute geht.

Was heißt das im Klartext?

Im Klartext heißt das: Manche Akteure stecken fest in der Verbindung zum reinen Produkt, also dem „Was“ (Qualitäten und Prozesse der Produkte). Lernprozesse im „Wie“, also wie ein Unternehmen geführt wird, wie kooperiert und wie zukunftsweisende Personalarbeit und Marktbearbeitung aussehen, sind leider sehr häufig vernachlässigt worden.

Die jungen Wilden, also die PionierInnen von heute, sind mehr im Wie zuhause, gut vernetzt, kooperativ und smart, viel undogmatischer im Was. Manche haben auch gar keine Lust auf alte Geschichten. Sie „machen es sich leichter“ und vielleicht trauen sie sich dadurch auch mehr?

So gibt es mit dem Was und dem Wie bzw. den beiden Generationen zwei Haltungen, die sich im denkenden Zuhören – auch Rethinking genannt – gut begegnen könnten. Die Menschen hören und fühlen nämlich dabei neben den Unterschieden auch viele gemeinsame Wege. Das verbindet!

Imke Lohmann bei ihrer Session "Welche Fragen müssen wir stellen?" beim 1. BiolebensmittelCamp. Foto: BiolebensmittelCamp / Dirk Holst, www.dhstudio.de

Imke Lohmann bei ihrer Session „Welche Fragen müssen wir stellen?“ beim 1. BiolebensmittelCamp. Foto: BiolebensmittelCamp/Dirk Holst, www.dhstudio.de

Ihr habt in eurer Session über das Circle-Gespräch als methodischen Ansatz gesprochen. Wie funktioniert das und welche Chancen eröffnen sich hier für eine bessere und offenere Gesprächskultur?

Der Circle ist ein Raum, in dem alles Platz hat, was die Menschen, die darin sitzen, an Erfahrung, Ideen und Visionen zum Thema mitbringen. Alle werden gehört, der Reihe nach. Alle haben Raum, alle sind als Mensch und in ihrer Funktion präsent. Der Circle braucht lediglich eine einzige Entscheidung: Möchte man mitmachen – ja oder nein? Dann geht es los:

Macht man mit, möchte man zuhören – sich selbst und den anderen. Man sagt wirklich Ja zum Setting, sowohl als lebendiger Mensch als auch als FunktionsträgerIn mit allem, was dazugehört. Die altmodische Trennung von Gefühl und Vernunft, die ja sowieso eine Illusion ist, fällt weg. Ich habe jedenfalls noch nie einen denkenden Funktionär ohne fühlenden Menschen in einem Circle-Gespräch gesehen. Einfach da sein, neugierig und offen, für das, was dann entsteht. Kein Plan. Sondern: denken, sprechen, zuhören, fühlen. Alles sehr ernst nehmen, wertschätzen und herzhaft darüber lachen. Das alles kann ein Circle-Gespräch.

Generell ist es so, dass Menschen, die aktiv zuhören, auch mehr Wirkung erzeugen: für sich als Person, aber auch für ihre Produkte und ihr Unternehmen. Bei Menschen mit etwas mehr Übung sehe ich wachsenden Mut, weil sie mehr von mehr Wirkung wollen.

Stichwort Mut: Wie wird man mutiger im Denken und Handeln? Wie kann das konkret gelingen? Hast du ein Rezept?

  • Leider gibt es dafür kein Rezept.
  • Es bedarf eines positiven Umgangs mit „Nichtwissen“. Dazu braucht der Mensch Haltung und Vertrauen. Eine freundliche Gelassenheit hilft.
  • Hoffnung ist eine Falltür. Denn wer nur auf Veränderung hofft, verzichtet meist auf aktives Handeln!
  • Einfach machen: probieren, handeln, scheitern, ausprobieren … immer wieder neu. Mutig und entschlossen. Und manchmal auch verzagt. Na und?
  • Humor – am besten eimerweise.
  • Und: Dogmen nur im Notfall, am besten gar nicht. Klar: Bio ist gut, aber wahrscheinlich auch nicht die Rettung der Welt. Und wenn doch: Umso besser!

Vielen Dank, Imke Lohmann, für deine Antworten, die den einen oder anderen sicher zum Nachdenken anregen.