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Bertram Verhaag, Regisseur von „Code of Survival“, eröffnet das BiolebensmittelCamp 2018. Wir haben dem Filmaktivisten ein paar Fragen gestellt.

2018 wird der bekannte Filmemacher Bertram Verhaag das BiolebensmittelCamp in Brandenburg eröffnen. Seit über 30 Jahren dreht der Aktivist mit seiner Produktionsfirma DENKmal-Film Dokumentarfilme. Bisher entstanden etwa 120 Produktionen zu umweltpolitischen und sozialen Themen, wie aktuell „Code of Survival“, der seit Juni 2017 in den Kinos läuft.

Bertram Verhaag, deutscher Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen, im besonderen gegen Gentechnik und für gute, nachhaltige Landwirtschaft, im Interview. Foto: DENKmal-Film

Bertram Verhaag, deutscher Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen, im Besonderen gegen Gentechnik und für gute, nachhaltige Landwirtschaft, im Interview. Foto: DENKmal-Film

Im Juni dieses Jahres ist dein neuer Film „CODE OF SURVIVAL – die Geschichte vom Ende der Gentechnik“ in den Kinos angelaufen. Hier geht es kurz gesagt darum, wie wir weiterhin auf diesem Planeten leben und zur verantwortungsvollen Landwirtschaft zurückkehren können. Was hat dich dazu bewogen, diesen Film zu machen?

In den letzten 15 Jahren machte ich zehn Filme gegen die Gentechnik. Da es aber hart ist, so lange Zeit nur mit dieser dunklen Energie umzugehen, begann ich parallel auch zehn Filme zu guter, nachhaltiger Landwirtschaft zu machen. Die Gentech-Filme sollten dem Zuschauer Zusammenhänge aufzeigen und Mut machen zum Widerstand gegen diese Technologie. Obwohl die Protagonisten in den Filmen sich sehr offen, klar, energisch und auch erfolgreich der Gentechnologie entgegenstellten, gab es immer noch Zuschauer, die sich trotzdem von der Macht der Konzerne beeindrucken ließen: „Die machen eh, was sie wollen!“.

Also entschloss ich mich, in „CODE OF SURVIVAL – Die Geschichte vom Ende der Gentechnik“ beide Seiten in einem Film zusammen zu zeigen. Drei großen und altbewährten Bioprojekten in Afrika, Indien und Deutschland stelle ich die Erfahrung von Gentech in den USA gegenüber. Die einen begegnen dem Boden mit Ehrfurcht und Demut und produzieren gesunde und heilende Lebensmittel, während die andere Seite den Boden vergiftet, zerstört, mit schweren Maschinen feststampft und nur minderwertige Nahrungsmittel produziert, die viel von ihrer Nähr- und Heilkraft verloren haben. Die nachhaltigen positiven Beispiele sollen den Zuschauer ermutigen, gegen die in jeder Hinsicht zerstörerische Produktionsmethode der Agro-Großindustrie aufzustehen.

Eigentlich könnten die Argumente nicht klarer sein. Gentechnik und Düngemittel führen zur Vernichtung von Mikroorganismen und zu Superresistenzen von Unkraut. Ein Akteur im Film spricht es an: Wenn die Lebewesen und Organismen nicht mehr für uns arbeiten, wovon sollen wir leben? Warum kann die Welt nicht einfach zu einer Biolandwirtschaft umschwenken? Liegt es „nur“ an den Konzernen, der Politik oder nicht auch an unserer eigenen Bequemlichkeit?

Selbst heute ist es noch so, dass Bauern, die auf Bio umstellen, „geächtet“ und lächerlich gemacht werden. Konsumenten kennen ihre Macht an der Kasse im Supermarkt, beim Bäcker oder Metzger zu wenig: Was der Konsument nicht kauft, wird vom Händler sofort aus dem Regal genommen! Das ist die Macht des Verbrauchers. Der Protest zwingt die Produzenten zu schnellem Handeln. Die Politik ist um ein Vielfaches träger.

Wir alle als Bürger und Konsumenten müssen aufwachen und kompetenter werden und nicht regelmäßig für vier Jahre unsere Stimme ab-, sprich: weg-geben. Wir müssen unsere Macht als Wähler oder als Konsument  erkennen, der jeden Tag bei der Auswahl seiner Lebensmittel Entscheidungen treffen kann, die den Markt nachhaltig beeinflussen. Die Gehirnwäsche der Werbung und unser stressiges Alltagsleben machen das natürlich nicht leichter.

„Ich will verändern – und du?“. So lautet der Titel deiner Eröffnungskeynote beim BiolebensmittelCamp 2018 in Brandenburg. Es gibt so vieles, was getan werden muss, wo soll man als Einzelner anfangen?

Gleichgesinnte suchen und gemeinsam Kraft fassen für den Kampf, um bessere Lebensmittelinformationen aufzunehmen. Regional und bio einkaufen und fragen: „Wo kommt das her? Was ist da drin?“ etc. – und alle meine Filme ansehen! 😉

Gutes Stichwort: In „Der Bauer und sein Prinz“ mit Prinz Charles gibst du Einblicke in die ökologische Landwirtschaft „Duchy Home Farm“. Wie war die Zusammenarbeit mit Prinz Charles?

Hinter den Kulissen zum Film "Der Bauer und sein Prinz". Foto: DENKmal-Film

Hinter den Kulissen zum Film „Der Bauer und sein Prinz“. Foto: DENKmal-Film

Persönlich begegnete mir Prinz Charles nur bei den zwei Interviews. Das Pressebüro beschränkte unsere Drehzeit für die Interviews jeweils auf 10 bis 20 Minuten, die Prinz Charles Gott sei Dank um das Zwei- bis Dreifache ausdehnte. Er begegnete uns sehr offen und entgegenkommend und vor allem absolut kompetent in allen Fragen der Umwelt und der ökologischen Landwirtschaft – ebenso gnadenlos beschreibt er auch die zerstörerische Kraft der industriellen Landwirtschaft. Er wirkt fast wie ein Vertrauter, wenn er auch über die weltweiten Auswirkungen – positiv wie negativ – der bestehenden Landwirtschaft spricht. Bei jeder seiner Auslandsreisen lässt er sich immer einen Biohof in dem jeweiligen Land zeigen und schöpft daraus Wissen und Erfahrung auch für seinen eigenen Hof – die „Duchy Home Farm“.

Alle zwei bis drei Wochen trifft er sich mit seinem „Bauern“ David Wilson, der mit dem gleichen Charisma und sogar mit Poesie von der heilenden Kraft gesunder Lebensmittel schwärmt. Die Zuschauer meines Films sind immer wieder erstaunt, wie sich ihr Bild von Prinz Charles innerhalb von eineinhalb Stunden um 180 Grad wandelt. Viele wussten über ihn ja eher nur aus der Yellow Press. Als der Film nach fünf Jahren fertig war, erlaubte uns das Königshaus nur eine Veröffentlichung oder einen Verkauf des Films in Europa, allerdings nicht in England und auch nicht im sonstigen Commonwealth. Das Verbot besteht bis heute, da der Royal Household Charles‘ Kritik an der industriellen Landwirtschaft nicht veröffentlicht sehen will.

Seit 30 Jahren versuchst du, mit deinen Filmen zum Umdenken zu bewegen. Was hat dich damals bewegt, deinen eigenen Weg zu gehen? Und wie schaffst du es, dir treu zu bleiben?

Den Anstoß zu einem kritischen Hinterfragen der Mechanismen und Rituale unserer Gesellschaft erhielt ich durch die 68er Studentenbewegung. Während der Zeit studierte ich Betriebswirtschaft, ebenso Sozialwissenschaft und Volkswirtschaft. Persönlich versuchten wir in selbstorganisierten Workshops die offizielle „Lehre“ zu hinterfragen und nach Alternativen zu suchen. Wir nahmen alles unter die Lupe: Erziehungsmethoden, Universitätssystem, Wirtschaftssystem, Energiesystem, Frauenrecht, Atomenergie, Rassismus etc.

Mit zunehmender Industrialisierung unserer Landwirtschaft stellte ich mir Fragen über mein Essen. Die Einführung der Gentechnik öffnete mir endgültig die Augen über unser verantwortungsloses System der Nahrungsmittelerzeugung. Es waren keine Lebens-Mittel mehr, sondern allenfalls Nahrungs-Mittel. Die Einführung der Gentechnik hatte und hat nicht den Sinn, bessere Lebensmittel herzustellen, sondern nur den multinationalen Unternehmen Patente und immer höhere Gewinne zu bescheren auf Kosten der Bauern, der Konsumenten und der Umwelt. Richtiger müsste man sagen: trickreich legal ergaunern, wenn sie zum Beispiel durch die zufällige Veränderung eines kleinen Gen-Bausteins, verbunden mit Patenten, den Bauern die jahrhundertealte Züchtungsarbeit an der Gesamtheit der Pflanze stehlen. Mit durchsichtigen Argumenten hebeln sie das ebenfalls Jahrtausende bestehende Bauernrecht auf Wiederaussaat des eigenen Saatguts aus.

Die nächsten Filme von Bertram Verhaag werden über die bio-dynamische Landwirtschaft handeln. Foto: DENKmal-Film

Die nächsten Filme von Bertram Verhaag werden von der biodynamischen Landwirtschaft handeln. Foto: DENKmal-Film

So breit lagen die Motive, als ich anfing, mit meinen Filmen auf eine Veränderung eines als ungerecht, unfair und zerstörerisch empfundenen und gesellschaftlich gestützten Produktionssystems hinzuwirken. Nach Filmen über Wohnungsspekulation, Atomenergie und Rassismus begann ich Anfang der 90er Jahre mit meiner Arbeit gegen Gentechnik und gleichzeitig für gentechnikfreie, nachhaltige Landwirtschaft. Zu jedem dieser Themen entstanden je zehn Filme innerhalb von 15 Jahren. Insbesondere durch Rückhalt der Zuschauer, die auf meine Filme reagierten oder zunehmend DVDs kauften, um sie in Kleingruppen zu zeigen und zu diskutieren, fühlte ich mich ermutigt und gestärkt.

Durch die Vermittlung und Darstellung von außergewöhnlichen Menschen in meinen Filmen über Fragen, die mich auch selbst brennend interessierten, konnte ich eine steigende Zahl von „Fans“ gewinnen, die meine Filme offensichtlich für wertvoll hielten. Wertvoll auch deshalb, weil ich mich als freier Produzent und Regisseur nicht der Bildsprache des Fernsehens (bebildeter Text) unterwarf und meine Filme stets ohne Kommentar und Erzähler machte. Dies weil ich glaube, dass Original-Töne und Menschen überzeugender sind als die übliche Bild-Ton-Schere-Erzählweise.

Was ist dein nächstes Projekt? Gibt es schon Pläne?

Über die Gentechnik und die biologische Landwirtschaft kam ich inzwischen zu einer der höchsten Formen der Lebensmittelerzeugung: der biodynamischen Landwirtschaft. Sie lässt auf einem gesunden Boden Lebensmittel wachsen, die uns nähren und heilen. Folglich begegnet diese Art von Landwirtschaft dem Boden mit Ehrfurcht und Demut, indem sie versucht, den Boden besser zu hinterlassen, als sie ihn vorgefunden hat.

Wenn ich dem Boden etwas nehme, muss ich ihm entsprechend etwas zurückgeben.

Über die Gedanken, die dieser Form der Lebensmittelherstellung zugrunde liegen, werde ich meinen nächsten Film machen.

Vielen Dank, Bertram Verhaag, für deine ausführlichen Antworten. Wir freuen uns auf viele weitere Einblicke in dein Schaffen beim BiolebensmittelCamp 2018 im März!