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Nahrungsmittelverschwendung zwischen Acker und Teller – auch bei Bio?! Interview mit Stephanie Laux

Wie sieht eigentlich der Status quo bei Lebensmittelverschwendung in der Bio-Branche aus? Stephanie Laux von Organic Marken-Kommunikation hat sich in ihrer Session beim BiolebensmittelCamp 2018 mit den Teilnehmern darüber unterhalten. Wo in der Wertschöpfungskette das „Übel“ beginnt und welche Lösungsansätze es schon gibt, verrät uns Stephanie im Interview.

Nahrungsmittelverschwendung – auch bei Bio! Foto: Fotolia/serhii

Nahrungsmittelverschwendung – auch bei Bio! Foto: Fotolia/serhii

Denkt man an Bio, hat man das Gefühl, dass hier die Verschwendung deutlich weniger ist als bei konventionellen Lebensmitteln. Trügt der Schein und wenn ja, wie ist die aktuelle Situation?

Hier trügt tatsächlich der Schein. Trotz der Abschaffung der Handelsklassen für Obst und Gemüse orientiert sich der LEH auf freiwilliger Basis weiterhin an den branchenüblichen Qualitätsnormen. Das heißt, die vereinbarten Preise werden nur für optisch einwandfreie Ware gezahlt. Bio-Obst und -Gemüse wird tendenziell stärker selektiert. Bei Bio-Kartoffeln beispielsweise sind es ca. 30 bis 35 Prozent, die nicht in den Handel gelangen.

Optische „Fehler“ treten aufgrund des Verzichts auf chemisch-synthetische Pflanzenschutz- und Düngemittel im ökologischen Landbau häufiger auf. Die am nachhaltigsten produzierten Lebensmittel werden somit leider am stärksten aussortiert. Hinzu kommt noch die Verschwendung im LEH und durch die Konsumenten.

Ihr habt euch in deiner Session die verschiedenen Akteure der Wertschöpfungskette angeschaut. In welchen Bereichen wirkt welche Maßnahme?

  • Erzeuger/Produzenten/Gastronomie: Die Weiterverarbeitung von Produkten mit z.B. krummer Form verbirgt die Makel. Das Besondere: optisch ungewohnte Produkte können als Alleinstellungsmerkmal genutzt werden, z.B. eckige Tomaten.
  • Konsumenten: Diese beschäftigen sich aktuell mehr mit Kochen und Essen. Dieser Trend kann genutzt werden, um aufzuklären und ein höheres Bewusstsein für die derzeitige Verschwendung zu schaffen (z.B. die innere Qualität ist wichtiger als die Optik; alle Teile vom Tier können verwendet werden), insbesondere in Kindergärten und Schulen.
Session zur Nahrungsmittelverschwendung mit Stephanie Laux beim BiolebensmittelCamp 2018. Foto: BLC / Jasmin Walter

Session zur Nahrungsmittelverschwendung mit Stephanie Laux beim BiolebensmittelCamp 2018. Foto: BLC/Jasmin Walter

Es gibt schon verschiedene Lösungsansätze, wie die Bio-Kiste, Wunderlinge oder Schulgärten. Kannst du uns etwas dazu erzählen?

„Lebensmittelretter“ – Smartphone-Apps (TooGoodToGo), Bio-Kisten (Etepetete), Initiativen (The Real Junkfood Project – Kochen mit geretteten Lebensmitteln), Angebote des LEH (Wunderlinge“ von REWE): Mittels einer charmanten Kommunikation kann krummes Obst und Gemüse durchaus Abnehmer finden. Verbraucher, die Reste bzw. aussortierte Produkte konsumieren, fühlen sich als Retter und Helden. „Wunderlinge“ werden als etwas Besonderes wahrgenommen und geschätzt.

Gastronomie/LEH – Produktionsplanung/Planung von Beständen: Durch Kundenbestellungen von Frischwaren können z.B. Bäckereien die Produktion sehr genau planen und Übriggebliebenes kann als Vortagsware günstiger verkauft werden. Im LEH werden Produkte mit kurzem MHD zum Teil zu einem günstigeren Preis angeboten.

Aufklärung in Schulen – Schulgarten/-küche: „Learning by doing“ ist hier die Devise. Wenn Kinder von klein auf an die Herstellung von und den Umgang mit Lebensmitteln herangeführt werden, lernen sie, Lebensmittel wertzuschätzen.

Unternehmen: Betriebe tragen dazu bei, Lebensmittel nicht zu verschwenden, indem sie Reste, die nicht anderweitig verwertet werden können, an die Mitarbeiter teilweise vergünstigt abgeben.

Ihr habt auch über Smartphone-Apps gesprochen. Inwieweit können diese einen Anreiz geben, sorgsamer mit Lebensmitteln umzugehen?

Apps können besonders die jüngeren Generationen ansprechen. Apps wie TooGoodToGo machen es ihnen sehr einfach, Lebensmittel zu „retten“. Es werden Geschäfte, Hotels etc. in einem gewählten Umkreis angezeigt, welche übriggebliebene Lebensmittel und Speisen zu einem vergünstigten Preis abgeben. Die Benutzung solcher Apps ist leicht in den Alltag integrierbar, da sie jederzeit abrufbar sind.

Rege Diskussion in der Session. Foto: BLC / Jasmin Walter

Rege Diskussion in der Session. Foto: BLC/Jasmin Walter

Bei der Frage zum Mindesthaltbarkeitsdatum spielen die richtige Kommunikation und die Aufklärung gegenüber den Konsumenten eine große Rolle. Welche Wege kann man hier einschlagen?

Statt von Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) oder Ablaufdatum kann man beispielsweise von einem Mindestverzehrfähigkeitsdatum sprechen. Möglich wäre auch die Angabe eines zweiten Datums neben dem MHD, einem Verfallsdatum. Eine große Rolle spielt hier vor allem, dass viele Konsumenten mehr dem MHD als den eigenen Sinnen vertrauen. Hier sollte auch besonders in Kindergärten und Schulen Aufklärung bei den ganz Jungen betrieben werden, z.B. durch Sinnesschulungen.

Vom MHD abzugrenzen ist zudem das Verbrauchsdatum: Insbesondere leicht verderbliche Lebensmittel, wie rohes Fleisch, müssen ein Verbrauchsdatum aufweisen, an das sich Konsumenten sicherheitshalber auch unbedingt halten sollten.

Was ist dir bei der Session besonders im Gedächtnis hängen geblieben?

Besonders hängen geblieben ist die Beobachtung, dass sich bereits viele Menschen mit dem Thema Nahrungsmittelverschwendung beschäftigen und ernsthaft etwas dagegen unternehmen möchten oder dies schon in irgendeiner Weise tun. Dies hat mich beeindruckt und ich hoffe, dass durch die Session ein weiterer Anreiz zum Handeln geschaffen werden konnte.

Stephanie Laux in ihrer Biolebensmittel-2018-Session. Foto: BLC / Jasmin Walter

Stephanie Laux in ihrer Biolebensmittel-2018-Session. Foto: BLC/Jasmin Walter

Ihr beschäftigt euch bei Organic Communication mit nachhaltiger Kommunikation – auf welches Projekt bist du besonders stolz?

Das „Natürliche Labeling“ unseres Kunden Eosta (Nature & More) ist ein neues Verfahren zur Kennzeichnung von Bio-Obst und -Gemüse im LEH. So kann eine immense Menge an Verpackungsmüll, insbesondere Kunststoff, eingespart werden. Das sog. „Lichtlabeling“ findet nur oberflächlich statt und hat keinen Einfluss auf Geschmack, Qualität und Haltbarkeit der Produkte. Diese neue Art der Kennzeichnung grenzt Bio-Obst und -Gemüse von konventionellen Produkten in Supermärkten ab und macht dadurch eine zusätzliche Verpackung überflüssig.

Vielen Dank, Stephanie Laux, für deine Lösungsansätze sowie Einblicke in deine BiolebensmittelCamp-2018-Session.