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Was von Food-Trends übrig bleibt: 5 kritische Thesen zu Hypes um Lebensmittel

Gestern war alles Chia, heute zeigen Leute auf Instagram bunte Buddha-Bowls vor, und morgen knabbern wir vielleicht Insekten: Gefühlt werden wöchentlich neue Food-Trends ausgerufen. Ist das der Rhythmus, bei dem man mit muss? Soll man als Bio-Hersteller*in wirklich viel Geld in die Entwicklung neuer, trendverdächtiger Produkte stecken und riskieren, dass sie dann im Regal liegen bleiben, weil die Karawane längst weitergezogen oder aber nie angekommen ist? Und wie passt die Orientierung an kurzfristigen Hypes überhaupt zu einer Branche, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreibt?

Was bleibt von Food-Trends übrig? Bild: Fotolia/Vladimir

Was bleibt von Food-Trends übrig? Bild: Fotolia/Vladimir

These 1: Nicht alles, was als Trend verkauft wird, ist auch einer.

Gerade am Jahresanfang und zu den großen Messen überschlagen sich die Medien mit Berichten darüber, was in Sachen Essen und Trinken angeblich gerade die Massen bewegt. Klar: Berichtenswert ist nur das, was neu und aufregend klingt. Gerade das Internet funktioniert außerdem als Echokammer, in der einzelne Nachrichten aufgegriffen und immer und immer wieder geteilt werden. Je abgefahrener ein Trend, desto lieber. Da kommen Heuschrecken oder die neuesten Beeren aus den unzugänglichen Dschungeln des Amazonas gerade recht. Von vielen der vollmundigen Prognosen hört man allerdings nie wieder etwas, oder die Hypes bleiben auf die Hipsterviertel der Großstädte beschränkt.

These 2: Geschmack ist konservativ.

Grüne Smoothies, dry-aged Steaks oder sous-vide gegarter Skrei machen als Partygespräch echt was her. Was im Alltag auf den Teller kommt, sieht bei den allermeisten ganz anders aus. Die Listen mit den Lieblingsgerichten der Deutschen verändern sich über die Jahre nur langsam: Spaghetti mit Tomatensauce, Schnitzel und in der Kantine gerne Currywurst mit Pommes oder Königsberger Klopse. Gerade zur Befriedigung der Grundbedürfnisse greifen die meisten zum Bewährten. Die Kale Chips landen erst im Einkaufswagen, wenn der altvertraute Erdbeerjoghurt schon drinliegt. Neuheiten ersetzen nur selten die festen Positionen auf der Einkaufsliste, sondern kommen meist höchstens als Extra obendrauf.

These 3: Die Orientierung an Trends kann Glaubwürdigkeit kosten.

Während in den Medien begeistert immer neue Superfoods und Ernährungsrichtungen hochgejubelt werden, schlägt die Stimmung vieler Leute allmählich von genervt zu gereizt um. Viermal jährlich wechselnde Moden mögen bei Bekleidung als normal angesehen werden. In puncto Essen gilt eine ähnliche Kurzlebigkeit (noch) als dekadent, übertrieben, ideologisch verdächtig.

Das Misstrauen richtet sich sowohl gegen diejenigen, die konsumieren („Können die nicht normal essen?“), als auch gegen diejenigen, die davon profitieren („Geldschneiderei!“). Wer sich als Produzent zu offensichtlich an Trends orientiert, läuft daher Gefahr, in den Ruf der Geschäftemacherei zu kommen. Das verprellt Kund*innen, besonders im Bio-Bereich. Denn dieser Branche werden andere Werte zugeordnet:

Nachhaltigkeit statt Konsumorientierung.

These 4: Hinter Trends stecken echte Bedürfnisse.

Aber warum isst denn nun eigentlich wirklich niemand mehr „normal“? Weil es „normal“ in Zeiten des Überangebots nicht mehr gibt. Jede/r von uns muss auch beim Essen ständig eine Wahl treffen, und natürlich drücken wir damit unsere Vorlieben, Werte, Zugehörigkeiten zu sozialen Gruppen – kurz: unsere Individualität aus. Trends, die sich durchsetzen, erfüllen dabei immer Bedürfnisse, die über den bloßen Appetit hinausgehen.

So hat der Erfolg der diversen Frei-von-Lebensmittel (glutenfrei, weizenfrei, laktosefrei, fruktosefrei) auch mit dem Wunsch zu tun, in einer immer komplexeren Welt durch Regeln Ordnung zu schaffen: „Dieses darfst du essen, jenes nicht.“ Dass dadurch außerdem vielen Menschen mit ernsthaften Gesundheitseinschränkungen das Leben deutlich erleichtert wird, ist ein positiver Nebeneffekt. Hinter den vielen Ernährungslehren von Paleo über Fasten bis Low Carb steckt im Grunde die Sehnsucht nach Erlösung – von Krankheiten, vom Altern, von der Sterblichkeit – und der Glaube daran, dass diese Erlösung über konsequente Selbstoptimierung zu erreichen ist.

Die diversen Superfood-Trends gehen noch einen Schritt weiter und kombinieren diese Heilserwartung mit dem Versprechen der Bequemlichkeit: Wenn du nur genügend Kokosöl, Gojibeeren oder Kurkuma zu dir nimmst, stellen sich Gesundheit und Fitness ganz von allein ein. Wer aufmerksam ist für die Motive hinter den Trends, kann die Menschen mit den richtigen Angeboten erreichen, ohne auf jeden Hype aufspringen zu müssen.

These 5: Trends kann man auch positiv sehen.

So kurzlebig manche Trends auch sein mögen: Sie lenken immerhin die Aufmerksamkeit auf die Vielfalt von Lebensmitteln und regen dazu an, über den Tellerrand des Gewohnten hinauszublicken.

So manches, was kurzfristig zum Hype hochgejubelt wird, hinterlässt zudem langfristige Spuren. Dass in den letzten Jahren so viel über vegane Ernährung geredet und geschrieben wurde, hat pflanzlichen Lebensmitteln neue Wertschätzung eingebracht und Gemüse viel stärker in den Mittelpunkt des Tellers gerückt, auch in Restaurants. Und schließlich zeichnet sich als dauerhafter Trend eine Bewegung zu ethisch verantwortungsvollerem Konsum ab.

Und wer könnte diesen Impuls besser nutzen als die Bio-Branche?