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Nach dem Skandal ist vor dem Skandal – unser fataler Fokus auf Lebensmittelsicherheit

„Tod im Brot“ oder „Tod im Kräutertee“ sind keine ungewöhnlichen Formulierungen, wenn es um abgefahrene Schlagzeilen in der Publikumspresse der letzten Jahre geht. Gemeint sind damit vor allem Rückstände oder natürliche Stoffe, die in Lebensmitteln enthalten und durch bessere Analysen immer öfter nachzuweisen sind. Dass wir Bios keinen Bock auf Pestizide haben und unsere Produkte deswegen für viel Geld in Laboren testen lassen, ist sicherlich gut so. Dennoch ist Vorsicht geboten: Ab wann wird die kleinste Zahl zum K.-o.-Kriterium für unsere Lebensmittel und ab wann wird die Sicherheit von Lebensmitteln wichtiger als die Lebensmittelqualität? Darüber haben wir in unserer Session zum BiolebensmittelCamp 2018 gesprochen.

Nach dem Skandal ist vor dem Skandal – unser fataler Fokus auf Lebensmittelsicherheit. Foto: Fotolia/Microgen

Nach dem Skandal ist vor dem Skandal – unser fataler Fokus auf Lebensmittelsicherheit. Foto: Fotolia/Microgen

In der Session-Diskussion haben Johanna, die Teilnehmer des BiolebensmittelCamp 2018 und ich festgestellt, dass die Biobranche immer an den gesunden Menschenverstand appelliert. Das heißt auch, dass es das Qualitätsstreben unserer Branche ist, Lebensmittel zu erzeugen und herzustellen, die Leben vermitteln. Die Produktion muss also nachhaltig umweltschonend erfolgen. Die Lebensmittel sollen „lebendig“ nahrhaft sein, die Gesundheit fördern, Bestandteil einer gesunden Lebens- und Ernährungsform sein und die Leistungsfähigkeit unterstützen.

Unser Verständnis eines Lebensmittels beinhaltet sehr viel mehr als die Garantie der Abwesenheit schädlicher Stoffe oder anderer Risiken. Medien, Politik und Behörden sehen das anders. Sie fokussieren sich bei Lebensmitteln sehr stark auf den Aspekt der Sicherheit. In aller Konsequenz würde das beispielsweise bedeuten, dass wir eine Ziege nicht mehr auf die Wiese stellen, weil sie Dioxin in sich aufnehmen könnte – schließlich sind unsere gesamte Umwelt und auch die Böden mit Dioxin belastet. Doch, entspricht das unseren Vorstellungen einer artgerechten Tierhaltung? Wenn wir wegen sogenannter Sekundärstoffe, wie „Pyrrolizidinalkaloiden“ und „Tropanalkaloiden“ keine Kräuter mehr anbauen, aus was besteht dann unser Tee in Zukunft?

Über die Beherrschung der Natur

In unserer Verbraucherschutzpolitik werden im politischen und behördlichen Umfeld die Begriffe Qualität und Sicherheit sehr oft und damit irreführend synonym gebraucht. Eine starke bzw. fast ausschließliche Fokussierung der Qualitätsdebatte auf die Abwesenheit von Kontaminanten, d.h. auf das nicht Vorhandensein negativer Einflüsse, und dessen Gleichsetzen mit Qualität. Das führt dazu, dass wesentliche positive Qualitätsmerkmale als „nice to have“ und nicht notwendig oder ernst zu nehmend betrachtet werden. Was gestern noch genussvoll verspeist wurde, ist morgen krebserregend und nicht mehr verzehrfähig.

Anscheinend fürchten wir uns vor der Natur, die uns umgibt.

Diskussion in unserer Session beim BiolebensmittelCamp 2018. Foto: BLC / Jasmin Walter

Diskussion in unserer Session beim BiolebensmittelCamp 2018. Foto: BLC/Jasmin Walter

Was wir stattdessen benötigen

In unserer Session beim BiolebensmittelCamp 2018 haben wir darüber gesprochen, was es braucht, um unsere Qualität der Lebensmittel und der Branche wieder in den Fokus zu rücken. Dafür wünschen wir uns, dass Politik und Medien sich trauen, diese umfangreiche, differenzierte Debatte nach außen zu tragen. Rein öffentlichkeitswirksame Argumente bergen erhebliche Risiken und greifen beim Thema Lebensmittelqualität und -sicherheit zu kurz. Außerdem müssen wir in der Branche über dieses Thema sprechen und wir denken, dass beim BiolebensmittelCamp ein guter Anfang dafür gemacht wurde.

In unserer Session haben wir festgehalten, dass jeder Einzelne von uns versuchen sollte, ehrlich und transparent zu sein. Denn nur dann bleiben wir glaubwürdig, trotz der Gefahr, uns angreifbar zu machen. Wir wollen weniger darüber sprechen, was Bioprodukte alles nicht enthalten, dass sie „frei von“ Dingen sind, sondern uns auf die positive Qualität besinnen.

Wir wollen das nach außen tragen, was die Bioszene wirklich ausmacht.

Autorinnen: Anne Baumann und Johanna Stumpner