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Neu auf dem Land. Blogger Matthias Neske über das Abenteuer Landleben

Könnt ihr euch vorstellen aus der Großstadt aufs Land zu ziehen? Dieser Frage widmet sich Matthias Neske in seinem neuen Blog „Neu auf dem Land“ seit Anfang Mai. Beim BiolebensmittelCamp hielt Matthias auch eine Session zu diesem Thema und heute im Interview gibt er nähere Einblicke in das Abenteuer Landleben.

Bereit für ein Leben auf dem Land? Foto: BC

Bereit für ein Leben auf dem Land? Foto: BC

Du hast Anfang Mai deinen neuen Blog „Neu auf dem Land“ gestartet. Hier erzählen Dorfzeugen – von alt bis jung, von brav bis wild – über den Schritt aufs Land. Was hat dich dazu bewegt?

Das sind eigentlich zwei Dinge: die Methodik und der Inhalt. Die Methodik ist das Gespräch. Ich war letztes Jahr in Deutschland für ein anderes Projekt unterwegs und habe mich mit Menschen zu einem Fachthema unterhalten. Vor ein paar Jahren in Asien hatte ich das schon einmal gemacht. Beide Male dachte ich nachher, es ist doch zu schade, dass ich diese Gespräche nicht einfach aufschreiben darf. Denn es war wirklich sehr spannend, was die Interviewpartner zu erzählen hatten. Vor allem das, was sie selbst erlebt hatten.

Das möchte ich jetzt in dem Blog „Neu auf dem Land“ nachholen, denn das Thema liegt mir persönlich auch am Herzen. Ich komme selbst aus einem kleinen Dorf und bin, wie so viele andere, nach der Schule weggegangen. Ich habe die Dorfschrumpfung über die ganzen Jahre aus der Ferne gesehen, aber auch, wie sich Dinge wieder erholen oder sogar überraschende Wendungen nehmen können. Zum Beispiel, indem ganz unterschiedliche Menschen in solche ländlichen Regionen gezogen sind. Ich finde, es ist wichtig, diese Vielfalt auch zu zeigen.

„Wer will denn heute noch auf dem Land leben?“, so lautete deine provokante Fragestellung beim BiolebensmittelCamp im März. Welche Argumente wurden hier gegen und welche für das Landleben diskutiert?

Naja, die allgemeinen Vor- und Nachteile sind ja den meisten gegenwärtig. Auf dem Land ist es ruhiger, das Leben günstiger und man hat einfach mehr Platz für alles. Andererseits fehlt es oft an der Infrastruktur, die man gerade in diesem Moment haben möchte, an den modernen Arbeitsplätzen, für manche auch an Gleichgesinnten. Ländliche Regionen können aber zum Teil sehr unterschiedlich sein, das ist bei der Session beim BiolebensmittelCamp deutlich geworden. Vieles lässt sich gar nicht mehr so einfach verallgemeinern, wie es noch in den alten Lehrbüchern steht.

Das Landleben bietet viele Vorteile zur individuellen Entfaltung. Dennoch wagen noch zu wenige den Schritt, vielleicht sogar einen leer stehenden Hof zu übernehmen. Welche Impulse sind hier deiner Meinung nach noch notwendig?

Zum Einen geht es um relativ objektive Kriterien, wie Arbeitsplatz, Finanzierungsmöglichkeiten, Infrastruktur für Mann, Frau, Kind, Hund. Und zum anderen um die mentale Anbindung an ein buntes Leben im Hier und Jetzt. Beim BiolebensmittelCamp war ich in der Session überrascht, dass doch recht viele Teilnehmer/innen einen Beruf ausübten, bei dem der Arbeitsort ziemlich egal ist. Weil sie zum Beispiel Freelancer sind und eher über das Internet agieren. Da ist natürlich eine schnelle Verbindung unabdingbar. Deutschland liegt bei 4G-Geschwindigkeit und -verfügbarkeit auf Platz 32 in Europa, Österreich nur knapp davor, Stand Ende 2017. Weltweit sind selbst Länder wie Kasachstan und Bolivien vor uns. Das ist ein Hindernis und da sollte sich auch etwas ändern. Denn in punkto Internet muss das Land nicht per Naturgesetz schlechter dastehen als die Stadt.

Session von Matthias Neske beim BiolebensmittelCamp Mitte März. Foto: BLC/Jasmin Walter

Session von Matthias Neske beim BiolebensmittelCamp Mitte März. Foto: BLC/Jasmin Walter

Wie wichtig hingegen solche Dinge, wie der öffentliche Nahverkehr oder flächendeckende Einkaufsmöglichkeiten sind, bin ich mir gar nicht so sicher – auf lange Sicht gesehen. Die Leute auf dem Land leiden unter den schlechten Verbindungen in der Kindheit, Jugend und später noch einmal in der Phase zwischen dem Aufgeben des Autos und dem Platz im Pflegeheim. Dazwischen ist für alle Individualverkehr angesagt – jetzt noch mit konventionellen Autos, bald vielleicht mit selbstfahrenden Fahrzeugen. Und beim Einkauf gibt es nicht nur die Postdienstleister, die das allerneueste Smartphone bringen, sondern im Lebensmittelbereich mittlerweile auch zunehmend Hofläden, Foodcoops, Solidarische Landwirtschaft, alternative Ansätze.

Ich glaube, die Talsohle ist durchschritten und es wird sich in Zukunft viel Neues entwickeln und etablieren.

Was die Vielfalt und die Bewegung der Stadt anbelangt, da wird „Unterschlimmersbrunn“ vermutlich nie mit New York mithalten können. Das wäre aber auch seltsam. Was ich interessant finde, sind Initiativen, die sich dem Thema Vielfalt annehmen, das kann ruhig auch per Nebeneffekt sein. Ich war letzten Sommer am Wochenende bei einer Craftbeer-Brauerei, die mit viel Schwung, Hightech und auch ein bisschen Geld im Hintergrund weitab von größeren Städten gegründet worden war. Dort gibt es jetzt nicht nur Arbeitsplätze im Handwerk oder im Büro, was ja schon wichtig genug ist, sondern es werden auch wirklich coole Sachen produziert. Das ist ein extrem lokal verwurzeltes Unternehmen, das aber gleichzeitig global unterwegs ist und seine Biere auch auf Messen in Shanghai oder San Francisco präsentiert.

Wenn ich solche Jobs anbiete, die gleichzeitig solide und weltoffen sind, dazu noch eine Lage mitten in der Natur, dann kann ich auch interessante Leute anziehen. Und damit kann ein Stein ins Rollen kommen, der auch Nachbardörfer erfasst, eine Belebungsspirale sozusagen. Aber von nichts kommt nichts, soviel steht fest.

Wo siehst du mehr Potential? Bei solchen, die ursprünglich vom Land kommen, oder jenen die in der Stadt aufgewachsen sind?

Ich denke, das ist eine individuelle Frage. Natürlich kenne ich mich besser mit den Gepflogenheiten in ländlichen Räumen aus, da ich auf dem Dorf aufgewachsen bin. Aber wenn ich seinerzeit von dort mit großer Geste in Richtung Berlin abgerauscht war, weil mir „die Dorfleute alle zu blöd“ waren, dann habe ich bei einer Rückkehr nicht so gute Karten. Ich selbst habe erst in der Großstadt festgestellt, dass mir der Wald fehlt. Solange ich auf dem Dorf war, hatte ich das gar nicht wahrgenommen. Wichtig ist vermutlich, dass man das Gefühl hat, einen Schritt vorwärts zu machen, wenn man aufs Dorf zieht. Egal ob es das alte Heimatdorf ist oder man diesen Schritt zum ersten Mal wagt. So etwas liegt bei einem selbst.

Blogger Matthias Neske ist selbst auf dem Dorf aufgewachsen. Foto: Matthias Neske

Blogger Matthias Neske ist selbst auf dem Dorf aufgewachsen. Foto: Matthias Neske

Ein Interviewpartner von dir erzählt, dass es schon eine Weile gedauert hat, bis er zum Grillen eingeladen wurde. Welche Tipps magst du uns hier weitergeben, damit der Anfang gelingt?

Da kann ich gleich den Tipp aufnehmen, den mir derselbe Interviewpartner gegeben hat: Nimm dich zurück, wenn du irgendwo neu bis, sei freundlich und aufgeschlossen, schau dir alles an und lass bitte nicht gleich nach zwei Minuten heraushängen, dass du dich aufgrund deiner Weltgewandtheit für etwas besseres hältst. Wenn dir irgendwas nicht zusagt, brauchst du ja beim dritten Mal nicht mehr hinzugehen. Aber vielleicht entdeckst du ja auch etwas ganz Neues, mit dem du nie gerechnet hättest. Dein Interesse an Ziegenkäse, an alten Traktormarken oder an der Backkunst aus Damaskus, wenn du feststellst, dass die Syrer im Nachbarhaus eigentlich eine Konditorfamilie sind.

Und da wir ja auf dem BiolebensmittelCamp-Blog sind, welchen Beitrag kann BIO leisten?

Einen großen, ehrlich gesagt. Dass Bio in zertifizierter Form nachhaltiger und umweltschonender ist, würden vermutlich selbst konventionell wirtschaftende Landwirte nicht rundweg bestreiten. Ich glaube aber, dass noch ein anderes zentrales Element wichtig ist:

Wer sich bewusst damit beschäftigt, wie sich eine lebenswerte Umwelt erhalten lässt, wer an kommende Generationen denkt, für regionale Wirtschaftskreisläufe eintritt, für faire Arbeitsbedingungen, für Vielfalt, ist meiner Meinung nach auf der zukunftsfesteren Seite.

Ich habe den Eindruck, dass gerade die jüngere Generation sich viele Gedanken darüber macht, welche Gegenentwürfe es zu Brutalität und Gedankenlosigkeit auf der Welt geben könnte. Übrigens auch zur Mühle des Großstadtlebens. Wenn Bio da Antworten geben kann, ist das anziehend. Selbst wenn die meisten Biokonsumenten nach wie vor in der Stadt leben, ist Bio als Idee auf dem Land irgendwie leichter zu begreifen.

Vielen Dank, Matthias Neske, für deine persönliche Sicht sowie Einblicke zu diesem Thema. Wir sind gespannt, wie sich das weiterentwickelt und wünschen dir viel Erfolg mit deinem neuen Blog!