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Warum die Gemeinwohl-Bilanz Sinn stiftet – Interview mit Gerd Hofielen von Humanistic Management Practices, Berlin

In einer Gemeinwohl-Bilanz werden viele Qualitäten abgebildet, die in der Finanzbilanz oft keinen Platz finden – wie Arbeitsbedingungen oder der nachhaltige Umgang mit der Natur. Gerd Hofielen, Geschäftsführer von Humanistic Management Practices, hat zu diesem Thema beim BiolebensmittelCamp 2018 Mitte März eine Session gehalten. Warum braucht es diese Art von Bilanz sonst noch und welche Anreize kann sie bieten?

Warum braucht es eine Gemeinwohl-Bilanz und welche Anreize kann sie bieten? Interview mit Gerd Hofielen von Humanistic Management Practices. Foto: Fotolia/Rawpixel.com

Warum braucht es eine Gemeinwohl-Bilanz und welche Anreize kann sie bieten? Interview mit Gerd Hofielen von Humanistic Management Practices. Foto: Fotolia/Rawpixel.com

Kannst du uns in ein paar Sätzen beschreiben, warum es eine Gemeinwohl-Bilanz als Ergänzung zur „normalen“ Bilanz braucht?

Bilanzen braucht man für den sorgsamen Umgang mit lebenswichtigen und kostbaren Gütern, z.B. für den Umgang mit Geld. Dafür gibt es die Finanzbilanzen. Die Qualität der Arbeitsbedingungen, die Nutzung der Umwelt, die Ehrlichkeit gegenüber Kunden, die Transparenz gegenüber allen Stakeholdern und deren Möglichkeit zur Beeinflussung von Entscheidungen sind ebenso wichtige Güter. Der Umgang damit wird in der Gemeinwohl-Bilanz berichtet und bewertet. Geld kann man nicht essen und Unternehmen sind lebende Organismen, die viele Menschen berühren. Deshalb macht die Gemeinwohl-Bilanz Sinn.

Welche Unternehmen setzen heute auf die Gemeinwohl-Bilanz? Hast du ein paar prominente Beispiele für uns? Und gibt es Erfahrungen, dass sich dieses Engagement auch auf betriebswirtschaftliche Zahlen auswirkt?

Naja, es gibt ein paar bekannte Namen unter den GW-Firmen, z.B. Taifun, Landgasthof Stober oder Märkisches Landbrot. Bei den ökologisch motivierten Unternehmen der Lebensmittelbranche gibt es viele Anwender. Ich finde es aber super, dass auch Unternehmen in den Branchen, die nicht leichtgängig „grün“ sind, sich für ethisch fundiertes Wirtschaften entscheiden, z.B. Elobau oder Ray Facility Management. Dann gibt es noch die Unternehmen, die öko-faires Wirtschaften zu ihrem Markenzeichen machen, wie z.B. Vaude oder Polarstrom.

Auf die betriebswirtschaftlichen Leistungsfaktoren wirkt sich die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) sehr gut aus. Eine empirische Studie der Universität Valencia zeigt, dass Unternehmen mit einer Gemeinwohl-Bilanz in den Bereichen Kundenzufriedenheit, Innovation, Qualität, Reputation und Prozessverbesserung deutlich positive Wirkungen feststellen.

Worin unterscheidet sich ein Nachhaltigkeitsbericht von einer Gemeinwohl-Bilanz?

Da gibt es eine klare Antwort: Eine Gemeinwohlbilanz ist ein Nachhaltigkeitsbericht, der den Anforderungen der CSR-Richtlinie entspricht. Diese Berichtspflicht gilt für Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern. Auch für kleinere Unternehmen ist die Gemeinwohl-Bilanz eine gute Berichtsform, weil bei der Berichterstellung viele Kennzahlen und Einsichten entstehen, die für die zukunfsorientierte Entwicklung der Organisation nützlich sind.

Es gibt weitere Berichts-Modelle, wie den Global-Reporting-Index oder den Deutschen Nachhaltigkeitskodex, die gute Datenerfassung möglich machen. Diese unterstützen die Verarbeitung der Daten zu Erkenntnissen aber nicht so gut.

Gerd Hofielen bei seiner Session "Gemeinwohl-Bilanz oder Nachhaltigkeitsbericht?" beim BiolebensmittelCamp 2018. Foto: BLC / Jasmin Walter

Gerd Hofielen bei seiner Session „Gemeinwohl-Bilanz oder Nachhaltigkeitsbericht?“ beim BiolebensmittelCamp 2018. Foto: BLC / Jasmin Walter

Ich habe auf eurer Website eure eigene Gemeinwohl-Bilanz gesehen. Wie aufwändig ist das für ein Unternehmen oder geht das ganz schnell und unkompliziert?

Beispiel einer Gemeinwohl-Bilanz. Foto: Humanistic Management Practices

Beispiel einer Gemeinwohl-Bilanz. Foto: Humanistic Management Practices

Es ist vertretbar. Deshalb haben auch wir, bei Humanistic Management Practices, eine eigene Gemeinwohl-Bilanz. Der Aufwand hängt von Größe und Komplexität des Geschäfts ab. Bei einer Firma mit 50 Mitarbeitern kann das 200 Mitarbeiter*innen-Stunden ausmachen. Was aber eine Kleinigkeit ist, angesichts der 80.000 Stunden, die dort pro Jahr insgesamt gearbeitet werden.

Die Rechenschaft, wie ein Unternehmen zu gesellschaftlichen Werten beiträgt, ist schon einen gewissen Einsatz wert und seit der CSR-Richtlinie auch Gesetz. Die Finanzbilanz zu erstellen ist wesentlich aufwändiger.

Ein Faktor der Gemeinwohl-Bilanz ist die soziale Gerechtigkeit im Unternehmen. Wann wird die Verteilung des Einkommens zu 100% gerecht? Oder anders gefragt, wieviel mehr darf der Inhaber verdienen als seine Mitarbeiter?

Das ist nicht eine Frage des „Dürfens“, sondern eine Frage der Transparenz.

Die Gemeinwohl-Bilanz bewertet die Themen der Unternehmensführung in ethischer Sicht.

Wenn das höchste Einkommen bis zum fünffachen des niedrigsten Einkommens beträgt, gibt es für dieses Thema die volle Punktzahl. Wenn mehr als das zwanzigfache verdient wird, kann es zu Negativpunkten kommen. Generell gilt, das höchste Einkommen ist eine Entscheidung im Unternehmen. Wenn transparent darüber berichtet wird, ist das aus Sicht der GWÖ in Ordnung.

In deiner Session beim BiolebensmittelCamp haben wir davon gesprochen, dass „Belohnung“ meist besser funktioniert als „Bestrafung“. Welche Anreize bietet hier die Gemeinwohl-Bilanz?

Ja, in der Session beim vergangenen BiolebensmittelCamp haben wir über solche „Belohnungen“ gesprochen. Hier gibt es mehrere Anreize: Die erste Belohnung ist die Klarheit über die Wertbeiträge für die Berührungsgruppen und die beruhigende Gewissheit, eine zukunftsorientierte, für alle Berührungsgruppen werteschöpfende Unternehmensführung zu praktizieren. Zweitens gibt es Belohnungen durch die Verbesserung wichtiger betrieblicher Leistungsfaktoren, wie z.B. die Kundenzufriedenheit.

Drittens gibt es Anerkennung vom Markt und aus dem Umfeld. Viertens kämpft die GWÖ für eine rechtliche Anerkennung gesellschaftlich nützlicher Unternehmensleistungen, die zu materiellen Vorteilen führen soll, z.B. einen besseren Zugang bei öffentlichen Vergaben. Das ist allerdings ein dickes Brett. Je mehr Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz machen, desto leichter kann diese Perspektive erreicht werden.

Ethische Bestrebungen in Unternehmen führen zu gesellschaftlichen Nutzen, das sollte fair gewürdigt werden.

Vielen Dank, Gerd Hofielen, für deine Einblicke in die Gemeinwohl-Bilanz. Wir sind gespannt, was sich zu diesem Thema noch alles tun wird!