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Können wir die Welt noch retten? Gedanken zur Ernährung und die Macht des Verbrauchers

Betrachtet man Schlagzeilen vom Januar 2018, wie „Drei Prozent Rendite – pro Tag! Ein Händler von Kryptowährungen verspricht Anlegern fantastische Gewinne“ oder „Guru der bunten Blumen. Kreativchef Alessandro Michele hat die Luxusmarke Gucci runderneuert. Sein Geheimnis sind wilde Muster, soziale Medien – und Burger.“, denkt man sich: Beeindruckend, wo uns der Schuh drückt, oder etwa nicht?

Über unsere Ernährung und die Macht des Verbrauchers. Foto: Fotolia/Kadmy

Über unsere Ernährung und die Macht des Verbrauchers. Foto: Fotolia/Kadmy

Wie wollen wir eigentlich zufrieden weiterleben, wenn es uns nicht gelingt, unsere Ernährungs- und Umweltprobleme in den Griff zu bekommen? Müssen wir wirklich eine Kryptowährung erfinden oder die Geheimnisse eines Gurus kennen, der gerne Burger isst und dabei Luxusklamotten runderneuert?

Wir kennen die bestehenden Umweltprobleme, wir reden viel und mit großem Aufwand darüber, wir treffen halbherzig irgendwelche Entscheidungen, wie wir die Probleme lösen könnten. Wir erwarten, dass alle die Entscheidungen mittragen, setzen aber unsere Entscheidungen nicht um. Wir zeigen mit dem Finger auf die Anderen, bis die Anderen mit dem Zeigefinger auf uns zeigen. Und wenn wir keinen Konsens bekommen, dann macht es Sinn, die Lösung der Probleme auf die nächste Legislaturperiode zu vertagen.

Jetzt richtige Entscheidungen für die Zukunft treffen

Wir berücksichtigen bei unseren Entscheidungen kaum noch die Belange zukünftiger Generationen, sondern werden von den Erwartungen kurzfristiger Gewinnmaximierungen getrieben. Anscheinend gehen wir davon aus, dass man uns für die Folgen unserer Entscheidungen nicht zur Verantwortung heranziehen kann.

Woran liegt das eigentlich? Sind wir überfordert und laufen sehenden Auges in unser Unglück? Haben wir keine Zeit mehr, um bewährte Instrumentarien in den Entscheidungsprozessen mit einzubeziehen? Oder interpretieren wir unsere Erkenntnisse falsch? Oder ist es tatsächlich so, dass die meisten Entscheidungen auf der Basis rationaler Daten dennoch irrational getroffen werden (man spricht in der einschlägigen Literatur von um die 90% aller Entscheidungen)? Fragen, die sich nicht so leicht beantworten lassen.

Vom Übergewicht zu Clean Eating: unsere Ernährung

Als Öko-Verarbeiter haben wir uns gute Ziele gesetzt. Wir haben das Ziel, aus ökologischen Rohstoffen naturbelassene, schmackhafte Lebensmittel herzustellen. Damit wollen wir Verbraucher begeistern, gewinnbringend wirtschaften und die Natur erhalten. Das gelingt uns bis zu einem gewissen Grad. Trotzdem sind unsere Ernährungsprobleme in den sogenannten „reichen“ Ländern zahlreich:

Die Menschen, die sich nicht ernähren können, werden immer mehr und krank. Unsere Ernährungsformen (Clean Eating, Vegan, Paleo, free-from usw.) werden immer kurioser, vielfältiger, keiner blickt mehr durch, aber wir können uns damit identifizieren und haben eine Ersatzreligion gefunden. Wir kennen die natürlichen Rohstoffe der Lebensmittel nicht mehr, wir wissen auch nicht mehr, wie die Lebensmittel hergestellt werden, aber wir wissen, wo wir sie am billigsten einkaufen können. Kochen war gestern, Fastfood ist heute, trotz einer Flut von Kochbüchern und Kochsendungen.

Wir freuen uns, dass unsere Lebensmittel lange frisch bleiben und gut schmecken. Dass dazu unzählige chemische und künstliche Zusatzstoffe notwendig sind, ist eigentlich uninteressant, solange keiner nach dem Essen tot umfällt. Wir genehmigen uns den Luxus, jeden Tag eine Unmenge von Lebensmitteln wegzuschmeißen, und wir lassen es zu, dass jeden Tag eine unvorstellbar hohe Zahl an Kindern verhungert.

Sind die Verbraucher unmündig geworden?

Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass die Verbraucher ihre Macht einsetzen, um mit ihren Kaufentscheidungen die Welt zu verbessern und ihre Gesundheit durch eine bewusste ökologische Ernährung zu erhalten. Ihnen fehlt das Ernährungswissen, sie verstehen uns und unsere Ziele nicht mehr. Und die Lebensmittel haben den Stellenwert verloren, den sie hatten, als sie noch als Mittel zum Leben galten. Dennoch, der mündige Verbraucher ist noch nicht ganz verschwunden, er hat noch ein bisschen freien Willen, für die Mächtigen in diesem Land anscheinend noch zu viel. Deshalb droht neues Ungemach!

Mathias Binswanger beschreibt in „Die Zeit“, vom 10. März 2016 unter dem Titel „Das Ende des souveränen Konsumenten“: (…) noch entscheiden Menschen selbst, was sie kaufen und welche Konzerne sie mögen. Doch bald übernehmen das die Computer. (…) In Zukunft werden wir nicht nur als Arbeitnehmer, sondern auch als Konsumenten in großem Stil durch Computer verdrängt, die ‚besser’ wissen, welche Produkte und Dienste unseren Bedürfnissen entsprechen. Dieser Aspekt ist wesentlich für die Revolution, die sich vor unseren Augen vollzieht, doch er wird bisher kaum wahrgenommen. Wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir mit der vierten industriellen  Revolution nach und nach unsere persönliche Freiheit – und unsere Privatsphäre.“

Was soll das eigentlich, dass wenige Menschen bei immer mehr Menschen mit Algorithmen sogenannte Profile aufstellen? Woher haben sie diese Informationen? Ist uns da etwas entgangen, dass unser Datenschutz nicht funktioniert? Und überhaupt, wer kam auf die Idee, dass in Zukunft mein Kühlschrank entscheidet, wann und vor allem welches Bier bestellt wird? Hat man dazu früher nicht Entmündigung gesagt? Wollen wir das wirklich?

Können wir die Welt noch retten?

Natürlich können Verbraucher die Welt nicht retten. Aber wir müssen trotzdem erst einmal die Menschen mit ins Boot holen, damit sie nach ihren Überzeugungen handeln können. Wir müssen für die Verbraucher Transparenz schaffen. Doch das erreichen wir nur, wenn sie miterleben können, was in der Natur vor sich geht. Wenn sie verstehen, was es heißt, Tiere artgerecht zu halten. Was es heißt, den Boden so zu behandeln, dass sich darin Regenwürmer wohlfühlen und dass tägliche Arbeit zu jeder Jahreszeit auf dem Bauernhof eine andere ist.

Wir müssen den Vorteil des regionalen und saisonalen Einkaufs von Bio-Lebensmitteln herausstellen und Lagermöglichkeiten aufzeigen. Wir müssen darüber nachdenken, ob es richtig sein kann, im Discounter billige Bio-Ware anzubieten und im Bio-Fachhandel an Weihnachten frische Erdbeeren anzupreisen. Die Glaubwürdigkeit fördern diese Angebote jedenfalls nicht.

Doch bevor wir uns über Maßnahmen Gedanken machen, müssen wir ein Ziel formulieren und unser Problem analysieren, damit wir auch richtig entscheiden können. Wir können es ja mal mit der Empfehlung von Konfuzius probieren:

Wer das Ziel kennt, kann entscheiden,
wer entscheidet, findet Ruhe,
wer Ruhe findet, ist sicher,
wer sicher ist, kann überlegen,
wer überlegt, kann verbessern.

Entweder wir entscheiden oder es entscheiden andere über uns.

Dieser Artikel ist auch in der Printausgabe des AöL-Themenheftes erschienen: www.aoel.org/publikationen/themenhefte/