BlogFachartikel, Interviews und Einblicke für Biolebensmittel und Naturkost

Gesucht & gefunden: das Bio-Produkt des Jahres wurde bei der Bio Österreich in Wieselburg gekürt.

Am 18.11. wurde zum ersten Mal – im Rahmen der Bio Österreich – das Bio-Produkt des Jahres gekürt. Wir waren neugierig und haben mit Jurymitglied und Biorama-Herausgeber Thomas Weber über die Gewinner gesprochen und hinter die Kulissen des Bio-Awards geblickt.

Gruppenfoto mit den Gewinnern der „Bio-Produkte des Jahres“. Foto: bio ÖSTERREICH

Gruppenfoto mit den Gewinnern der „Bio-Produkte des Jahres“. Foto: bio ÖSTERREICH

Was hat Biorama dazu bewogen, in Zusammenarbeit mit der Messe Wieselburg, den Award „Bio-Produkt des Jahres“ ins Leben zu rufen?

Biorama kooperiert seit 2015, also seit dem ersten Jahr, mit der Bio Österreich. Die Kooperation war anfangs noch abwartend und etwas zaghaft, wurde zuletzt aber jedes Jahr intensiver. Im Grunde wollte ich mit Biorama schon länger einen Bio-Award umsetzen, wobei ein wenig der richtige Rahmen und ein wirklich passender Anlass gefehlt hat. Die Idee, dass sich sowas gut im Vorfeld einer Messe wie Bio Österreich umsetzen ließe, ist dann vor zwei Jahren bei Nachbesprechungen aufgetaucht. Das ursprüngliche Konzept ist aber im Tagesgeschäft einfach einmal gut abgelegen.

Heuer waren wir uns dann einig, dass die Zeit reif ist und vor allem, dass die österreichische Branche eine Auszeichnung wie das „Bio-Produkt des Jahres“ braucht. Biorama sieht sich als starker Partner der Bio-Branche sowie als Plattform und kritischer Vermittler zwischen Produzenten, Prosumern, Verbänden, NGOs, Handel und dem, was man früher einmal Verbraucher genannt hätte. Da gibt es viele Überschneidungen mit dem Anspruch der Bio Österreich. Der Unterschied ist, dass Biorama als Magazin, Plattform und Agentur klar in urbanen Milieus zu Hause ist während die große Stärke der Messe Wieselburg ihre historische Verankerung im bäuerlichen Milieu darstellt. Auch der wichtigste Bioverband Bio Austria ist als Partnerin umfassend integriert.

Das sind alles glaubwürdige Partner, die gemeinsam über eine umfassende Kenntnis des Biomarkt verfügen. Also alles eigentlich aufgelegt. Wobei Biorama ja immer schon auch Agentur war und mit Awards nicht ganz unerfahren ist. Mit der Bio Austria betreiben wir zur Förderung der Bio-Gastronomie ja seit längerem schon die Plattform www.richtiggutessen.at und vergeben seit drei Jahren die Bio Gastro Trophy – ebenfalls im Rahmen der Bio Österreich.

Die Idee, das Bio-Produkt des Jahres zu küren, war also naheliegend. Dass wir binnen weniger Wochen über 73 gültige Einreichungen hatten – von bäuerlichen Erzeugern bis zu den ganz großen Molkereien, Brauereien, Handelsmarken und Konzernen – hat uns dennoch überrascht. Es gab viel Feedback und 2019 wird es wohl neue zusätzliche Kategorien geben. Es wurde auch angeregt, Deutschland, die Schweiz und Südtirol ebenfalls mitzunehmen. Ob das wirklich sinnvoll ist, wird noch zu diskutieren sein. Reizlos ist der Gedanke nicht.

Biorama baut seit Jahren die Distribution des Magazins in Deutschland und unser Deutschlandgeschäft aus. Auch die Bio Österreich als Messe war heuer merkbar internationaler, mit Gemeinschaftsauftritten etwa aus Bayern, mehreren Ausstellern aus Italien und immer mehr aus Deutschland. Wir werden sehen.

Jurymitglieder (v.l.): Lisa Linsberger (Messe Wieselburg), Thomas Weber (Biorama), Hausherrin Johanna (Gustl Kocht), Gerti Grabmann (BIO AUSTRIA), Michael Schwarzmann (DoN group), am Handy Reinhard Gessl (Forschungsinstitut für biologischen Landbau), Katharina Seiser und Rene Leichtfried (Bio Österreich - Spezialmesse für Bioprodukte). Foto: Biorama

Jurymitglieder (v.l.): Lisa Linsberger (Messe Wieselburg), Thomas Weber (Biorama), Hausherrin Johanna (Gustl Kocht), Gerti Grabmann (BIO AUSTRIA), Michael Schwarzmann (DoN group), am Handy Reinhard Gessl (Forschungsinstitut für biologischen Landbau), Katharina Seiser und Rene Leichtfried (Bio Österreich – Spezialmesse für Bioprodukte). Foto: Biorama

Auf welche Kriterien habt ihr zuerst bei der Nominierung und später bei der Auswahl des Siegers geachtet?

Bei der Nominierung war, ganz banal, Voraussetzung, dass die EU-Biostandards eingehalten und erfüllt werden. Das hat die Bio Österreich kontrolliert. Im Bewerbungsformular war ersichtlich, dass uns Innovation, Nachhaltigkeit, Design und bei Lebensmitteln der NomNom-Spaßfaktor wichtig waren. Das wahrscheinlich allerwichtigste Qualitätskriterium war die Jury, für die wir angenehmerweise alle unsere Wunschkandidaten bekommen hatten.

Mit Kochbuchautorin und Kulinarik-Journalistin Katharina Seiser (bekannt u.a. aus der Süddeutschen), mit Gerti Grabmann, die nicht nur Obfrau von Bio Austria, sondern selbst Bäuerin ist, mit Reinhard Gessl vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau, der auch das Tasting Forum betreibt, mit Messeorganisator René Leichtfried, mit mir selbst und nicht zuletzt mit Michael Schwarzmann, der selbst ausgebildeter Koch ist und als Chefeinkäufer der DoN Group das Catering der ÖBB-Züge verantwortet, war garantiert, dass der Award keine Schlagseite hat, sondern dass eine umfassende Einschätzung und Branchenkenntnis vorhanden ist.

Der frische Pizzateig von Kornelia wurde bei der Jurysitzung im Restaurant "Gustl kocht" zubereitet, ohne Belag und pur. Foto: Biorama

Der frische Pizzateig von Kornelia wurde bei der Jurysitzung im Restaurant „Gustl kocht“ zubereitet, ohne Belag und pur. Foto: Biorama

Weil wir nicht sicher waren, ob wir im ersten Jahr genug Einreichungen bekommen würden, hatten wir in der Konzeption vorgesehen, dass jedes Jurymitglied selbst noch ein Bio-Produkt für die Shortlist nominieren kann. Wir wollten damit sichergehen, dass genügend spannende Produkte zur Diskussion stehen. Unsere Befürchtungen waren unbegründet. Die Shortlist deckt mit ihren beiden Kategorien Farm & Craft und Retail & Big Brand letztlich ziemlich gut das gesamte Spektrum der österreichischen Bio-Produkte ab, von Almdudler Organic bis zum Zagler Müslibär.

Wobei wir als Jury einig waren, dass es mehr als vier Produkte – zwei in Hauptkategorien, zwei in Sonderkategorien – wert gewesen wären, vor den Vorhang geholt zu werden. Ganz besonders beeindruckt hat uns etwa der frische Pizzateig von Kornelia Urkorn, der Obertrumer Bio-Radler, ein nicht übersüßter Zitrusradler, der ohne Zitrusfrüchte auskommt und vom Geschmack der Zitronenverbene lebt, die Demeter-„Busserl aus der Wachau“-Lippenpflege von DieNikolai oder der ganzheitliche Ansatz der „Reine Lungau“-Milchprodukte von Salzburg Milch. Alle Genannten waren heiße Kandidaten, sind aber doch nicht Bio-Produkt des Jahres geworden.

Insgesamt gab es Sieger in 2 Kategorien: Die „Wiener Würze“ in der Kategorie Farm & Craft und die „Hermann Bratstreifen“ wurden in der Kategorie Retail & Big Brand ausgezeichnet. Was hat diese Produkte zu den Gewinnern gemacht?

Juror Reinhard Gessl (Forschungsinstitut für biologischen Landbau) begutachtet vor dem Öffnen des Obertrumer Bio-Radlers das Design. Foto: Biorama

Juror Reinhard Gessl (Forschungsinstitut für biologischen Landbau) begutachtet vor dem Öffnen des Obertrumer Bio-Radlers das Design. Foto: Biorama

Letztlich, dass sich alle Jurymitglieder ohne Wenn und Aber darauf einigen konnten. Beide Produkte waren jeweils klare Punktesieger in ihrer Kategorie. An der „Wiener Würze“ vom Genusskoarl hat uns ihr Geschmack, ihr Design und der innovative Ansatz einer Sojasauce ohne Soja überzeugt. Hergestellt wird die Würzsauce auf traditionelle Weise auf Basis von Lupine, Hafer, Salz und Wasser.

Die Bratstreifen von Hermann sind das perfekte Convenience-Produkt: wirklich wohlschmeckender Fleischersatz, ohne Zusatzstoffe, basierend auf österreichischen Bio-Kräuterseitlingen aus der Bioregion Mühlviertel und Bioreis aus Italien. Nominiert waren zwar nur die Bratstreifen von Hermann, aber ich behaupte einmal: Jedes der Hermann-Produkte hätte diese Kategorie gewonnen. Höchst innovativ, beeindruckend kompromisslos bis ins letzte Detail – Hermann hat das Zeug zur nächsten großen Bio-Marke aus Österreich, die auch international erfolgreich ist.

Was wir in der Jurysitzung nicht bedacht haben, was aber schon auch schön ist:

Beide Siegerprodukte sind sehr neu am Markt, stammen letztlich von Start-ups und sind auch im Ausland zu haben.

Das heißt, dass die Auszeichnung „Bio-Produkt des Jahres“ aus Österreich wohl auch im Ausland für Aufmerksamkeit sorgt. Österreich ist nach wie vor ein Bio-Vorreiterland.

Dann gab es ja auch noch zwei Sonderkategorien: 1) Niederösterreichisches Bio-Produkt des Jahres und 2) Railjetset. Was hat es mit den Sonderkategorien auf sich und wer darf sich hier zu den Siegern zählen?

Jurysitzung im Restaurant „Gustl kocht“ in Wien 3. Ein 100% Bio-Lokal. (v. links) Reinhard Gessl, René Leichtfried, Lisa Linsberger, Michael Schwarzmann. Foto: Biorama

Jurysitzung im Restaurant „Gustl kocht“ in Wien 3. Ein 100% Bio-Lokal. (v. links) Reinhard Gessl, René Leichtfried, Lisa Linsberger, Michael Schwarzmann. Foto: Biorama

Da das Land Niederösterreich, wo auch der Messestandort Wieselburg liegt, den Award tatkräftig unterstützt und in einigen Regionen in Niederösterreich der Bio-Anteil überdurchschnittlich hoch ist, war es nur logisch, dass es hier besonders viele Einreichungen geben würde und wir sinnvollerweise auch das niederösterreichische Bio-Produkt des Jahres küren. Mit dem WeideBeef Biltong vom Biohof Harbich hat ein hervorragendes Trockenfleisch gewonnen, das uns bei der Jurysitzung regelrecht süchtig gemacht hat. Das Trockenfleisch stammt von einem vorbildlichen Biobetrieb, der seine Rinder und Schweine ganzjährig im Freien hält, selbst am Hof schlachtet und ausschließlich regional direkt vermarktet.

Da es aus allen Bundesländern außer Vorarlberg Einreichungen gab, gehe ich fast davon aus, dass es 2019 für jedes Bundesland ein eigenes Bio-Produkt des Jahres geben wird.

Die Kategorie Railjetset haben wir mit dem Award-Partner DoN definiert. DoN betreibt unter anderem das Catering in den ÖBB-Zügen und ist zuletzt dadurch aufgefallen, dass es stark auf das Ausloben regionaler Produkte setzt und immer wieder Bio-Produkte verkauft. Für die Kategorie Railjetset haben wir konkret nach einem handwerklichen Bio-Snack gesucht. Gewonnen hat der True Love Kürbis-Nuss-Riegel von der Riegelfabrik. Eine gesunde, köstliche Nascherei, die ab Ende Dezember für 3 Monate in den Zügen verkauft wird. Ich bin selbst ÖBB-Vielfahrer und werde die Riegel gerne kaufen.

Welche 3 Produkte fandest du persönlich, neben den Gewinnern, noch spannend und warum?

Jurorinnen Katharina Seiser (Süddeutsche Zeitung) und Gerti Grabmann (Obfrau von Bio Austria) mit den Wildblumensamen von Ja! Natürlich. Foto: Biorama

Jurorinnen Katharina Seiser (Süddeutsche Zeitung) und Gerti Grabmann (Obfrau von Bio Austria) mit den Wildblumensamen von Ja! Natürlich. Foto: Biorama

Mich persönlich hat der Tiroler Bio-Camembert von den Milchbuben begeistert, vor allem die Sorte Walnuss. Es gibt in Österreich sehr viele gute Käsereien und Käsesorten. Aber hier passt alles: milder, cremiger Camembert und ein Verpackungsdesign, das fast zu schön ist, um im Altpapier zu landen. Auch das Brotbier vom Brauhaus Gusswerk ist etwas Besonderes und vom Ansatz her innovativ. Als Basis für dieses tadellose Bier wird nämlich Food-Waste verwendet, genauer gesagt das übrig gebliebene Bio-Brot der Salzburger Interspar-Bäckerei. Oder die knusprige Walnusscreme von WalnussWerk – ein Traum!

Aber auch einige bäuerliche Vermarkter haben mich wirklich begeistert, der Mühlviertler Bohnenkas vom Ackerlhof etwa oder die Kukuruz-Maissnacks von Schorn’s. Ein ganz anderes Produkt: die Wildblumensamen von Ja! Natürlich. Und auch wenn andere Jurymitglieder beanstandeten, dass zum Beispiel Almdudler Organic Bio-Aromen verwendet: Ich selbst trinke die Sorte Rhabarber sehr gern und hoffe, dass die bald überall erhältlich ist.

Ehrlich: am meisten beeindruckt mich die enorme Vielfalt.

Welche Besonderheiten konntest du, abseits der Verleihung, sonst noch von der Bio Österreich mitnehmen?

Thomas Weber, Jurymitglied und BIORAMA-Herausgeber. Foto: Michael Mickl

Thomas Weber, Jurymitglied und BIORAMA-Herausgeber. Foto: Michael Mickl

Es waren zwei inspirierende und auch intensive Tage, weil ich selbst ja auch die Eröffnung der Messe moderiert habe. Das Wichtigste an so einer Messe ist natürlich der informelle Austausch. Ich interessiere mich auch für Landwirtschaft, Urban Farming und Selbstversorgung. Persönlich nehme ich den Vorsatz mit, nächstes Jahr im Garten mit Steinmehl als Dünger zu experimentieren.

Bei einem Bier habe ich mir die Entwicklungen am Bio-Rindermarkt erklären lassen, warum mittlerweile fast ausschließlich Jungrinder vermarktet werden und keine ausgewachsenen Tiere. Außerdem weiß ich jetzt aus profunder Quelle, was die aktuellen Rindfleischverarbeitungstrends sind. Falls das außer mir noch jemanden interessiert: Letztlich werden derzeit aus allen Teilen Steaks geschnitten, der Rest wird faschiert.

Vielen Dank, Thomas Weber, für deine Offenheit und spannenden Einblicke in dieses Projekt. Wir finden das „Bio-Produkt des Jahres“ eine gute Sache!