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Bioland bei Lidl – Jan Plagge, Präsident Bioland, erklärt den gemeinsamen Weg.

Lidl Deutschland bietet ab Januar 2019 deutschlandweit Produkte von Bioland-Bauern an. Diese Entscheidung, mit Bio-Produkten auch in den Discounter zu gehen, führte innerhalb der Branche zu Diskussionen. Wir haben uns mit Jan Plagge, Präsident bei Bioland, nun unterhalten, warum es zu diesem Beschluss gekommen ist und ob sich dadurch sogar neue Chancen für den Fachhandel auftun.

Interview mit Jan Plagge, Bioland-Präsident, über den Einzug von Bioland im Discounter Lidl. Foto: Bioland

Interview mit Jan Plagge, Bioland-Präsident, über den Einzug von Bioland im Discounter Lidl. Foto: Bioland

Bei der Bio-Hotels Jahreshauptversammlung haben Sie sehr anschaulich erklärt, warum es für Bioland gut ist, mit der Marke auch im Discounter Lidl vertreten zu sein. Können Sie die wesentlichen Argumente nochmal kurz für die Leser skizzieren?

Die entscheidende Frage bei unserer Entscheidung war, was wir insgesamt erreichen wollen. Nämlich einen umfassenden ökologischen Umbau der Land- und Lebensmittelwirtschaft. Wenn man diesen Prozess aktiv mitgestalten will, kann man nicht nur auf den LEH schimpfen. Besser, wir als Verband gestalten im Sinne unserer Hersteller und Erzeuger den heimischen Biomarkt mit Qualitätsbio, statt die Entwicklung den Händlern alleine zu überlassen, wie man das in Nachbarländern wie Frankreich oder Österreich beobachten kann.

Unser gemeinsames Ziel ist es also, den ökologischen Landbau zu fördern und voranzubringen. Nicht, weil es um Profite oder Wachstum geht – sondern weil es eine Notwendigkeit ist. Je mehr Betriebe auf diese Art der Landbewirtschaftung umstellen, desto mehr profitieren Umwelt, Nutztiere und die Verbraucher. So ist es nur konsequent, auch die Vertriebswege mitzudenken und auszuweiten.

Nicht alle sehen diesen Schritt positiv. Vor allem kleinere Bio- und Naturkostläden haben Angst, dass ihnen hier der USP abhandenkommt. Können Sie hier ermutigen?

Die Kooperation bedeutet natürlich mehr Wettbewerb und darüber freut sich erstmal niemand. Aber aus der Entwicklung ergeben sich auch Chancen. Der Fachhandel lebt von einem breiten Sortiment und 100 Prozent Bio – und wenn er es gut macht, auch von einer besonderen handwerklichen Qualität und regionalen Lieferbeziehungen, die der Discounter nicht bieten kann. Aus Lidl wird kein Vollsortimenter, kein Fachhändler und kein Direktvermarkter.

Der zunehmende Wettbewerb wird also dazu führen, dass jeder Vertriebsweg seine Vorteile und Stärken ausspielen und weiterentwickeln kann.

Auch diejenigen, die im Discounter einkaufen, möchten wir zur Wahl von Bio-Produkten überzeugen. Foto: Bioland

Auch diejenigen, die im Discounter einkaufen, möchten wir zur Wahl von Bio-Produkten überzeugen. Foto: Bioland

Wichtig für uns alle ist ja, mehr Menschen für Bio zu überzeugen und zu gewinnen – auch diejenigen, die heute im Discounter einkaufen. Aus generellem Bewusstsein für Ernährung und Landwirtschaft sowie Gelegenheitskäufern entstehen neue Potentiale, auch für Direktvermarktung und Fachhandel. Bioland geht weiter auf den Fachhandel zu und wird die Direktvermarkter noch stärker unterstützen. Wir sehen darin keinen Widerspruch, sondern eine Ergänzung.

Sie haben auch gemeint, dass sich Lidl äußerst kooperativ gezeigt hat und die Bioland-Werte zu 100% leben möchte. Welche Punkte sind hier konkret vereinbart worden?

Die Bioland-Werte und -Prinzipien haben höchste Priorität. Über die Richtlinien entscheiden bei Bioland allein die 180 gewählten Delegierten, die Mitglied der Bundesdelegiertenversammlung sind. Eine einseitige Einflussnahme einer unserer 1.000 Partner im Bereich Herstellung und Handel kann durch diese Struktur ausgeschlossen werden.

Lidl hat sich zu einer langfristigen fairen Partnerschaft bekannt – und dies auch rechtlich und in den Verfahren sehr genau beschrieben und hinterlegt. Das schafft das Vertrauen, das wir brauchen, um die Kooperation Schritt für Schritt in die Praxis zu bringen.

Welche „Vorsorgemaßnahmen“ haben Sie installiert, falls es doch zu Problemen kommt?

Wir haben vertraglich vorgesorgt und im Sinne unserer Mitglieder verhandelt. Lidl verpflichtet sich im Kooperationsvertrag zu fairen Verhandlungen mit seinen Lieferanten. Und das in der gesamten Lieferkette bis zum Bauern und zur Auszahlung auskömmlicher Erzeuger- und Herstellerpreise, damit eine nachhaltige Betriebsentwicklung aller Akteure einer Wertschöpfungskette möglich ist.

Wenn diese und die zusätzlich vertraglich vereinbarten Fair-Play-Regeln nicht eingehalten werden, können sich benachteiligte Bioland-Lieferanten an unsere Ombudsstelle richten. Stellt die Ombudsstelle eine Verletzung der Fair-Play-Regeln fest, kann Bioland Sanktionen gegenüber Lidl aussprechen. So wird ein maximaler Schutz der Lieferanten erreicht sowie eine Gleichbehandlung aller Beteiligten sichergestellt. Die Einrichtung eines solchen Verfahrens von einem Erzeugerverband ist einzigartig und, dass Lidl sich darauf eingelassen hat, unterstreicht deren Ernsthaftigkeit.

Lidl bietet ab Januar 2019 deutschlandweit Produkte von Bioland-Bauern an. Foto: Lidl

Lidl bietet ab Januar 2019 deutschlandweit Produkte von Bioland-Bauern an. Foto: Lidl

In Österreich sind Discounter (Billa, Spar, Hofer) ja schon viele Jahre mit Bio-Eigenmarken unterwegs. Könnte sich die Bio Austria mit der eigenen Marke hier ähnlich aufstellen oder ist, Ihrer Meinung nach, der Zug schon abgefahren?

In Österreich geben tatsächlich die Handelskonzerne vor, was bestes Bio ist. Mit dem Effekt, dass die Bio-Landwirte nur noch nachvollziehen können, was in den Handelskonzernen entschieden wird. Das Problem ist, nach meiner Wahrnehmung, bei Bio Austria erkannt und es wird versucht, dieser Entwicklung gegenzusteuern. Wenn die Bio-Bauern in Österreich zusammenhalten und sich gut und stark organisieren, haben sie die Möglichkeit diesen Kurs zu verändern. Bio-Bauern haben es immer geschafft, starke Alternativen zu entwickeln – warum nicht auch in dieser Situation.

Wir hatten im März beim BiolebensmittelCamp das Motto „Big Bang Bio“. Damals war uns noch nicht bewusst, dass dieser Bio-Boom in solcher Art und Weise tatsächlich folgt, auch andere Labels sind verstärkt in den Discounter gegangen. Was ist der nächste große Schritt in der Bio-Branche? Wie geht es weiter?

Der Bio-Markt war lange Zeit nicht unbedingt durch eine sehr dynamische Umstellung der Betriebe geprägt. Das hat sich jetzt geändert. Nicht nur das Verbraucher-Bewusstsein hat sich geändert, auch das der landwirtschaftlichen Betriebe ändert sich rasant.

Die Dynamik ist gut und wichtig, um den ökologischen Landbau auszuweiten und so die Zukunft für die folgenden Generationen zu sichern.

Wie genau es in Zukunft weiter gehen wird, kann ich nicht vorhersagen. Was ich mir aber wünschen würde ist, dass das Bewusstsein für nachhaltige Landwirtschaft und die Erhaltung unserer Erde weiter stark zunimmt und in nicht allzu langer Zeit der Öko-Landbau zur Normalität geworden ist und auch in der Breite Wirkung erzielt: Den Artenrückgang umkehrt, Kohlenstoff im Humus rückbindet, um unser Klima zu retten und unser Trinkwasser rein hält. Darauf kommt es noch an, deswegen sind wir mit dem Biolandbau angetreten.

Ein wichtiger Hebel ist hierbei die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik (GAP). Diese wird den „nächsten großen Schritt“ maßgeblich mitgestalten oder auch verhindern. Darum bleibt zu hoffen, dass die Politik bei der Neugestaltung der GAP für 2021 die richtigen Entscheidungen trifft und Betriebe weitaus mehr honoriert, wenn sie mehr für Umwelt-, Klima- und Tierschutz liefern, als das bisher der Fall ist.

Vielen Dank, Jan Plagge, für Ihre Zeit, um die Situation und die damit verbundene Entscheidung genauer zu schildern!